Tag 67: Infektionswege

Wie ich schon am 06. Mai in meinem großen Übersichtsartikel erwähnt habe, kann die Infektion auch über ein einfaches Gespräch stattfinden. In den letzten Tagen war die Aufregung groß, weil eine neue Studie aufzeigte, dass Übertragungen bereits stattfinden können, wenn in Innenräumen normal gesprochen wird. Ebenso gibt es (überraschte?) Reaktionen auf eine deutsche Studie, die (wenn auch nur mit wenigen Fällen) bestätigt, dass Übertragungen bereits vor Auftreten der ersten Symptome stattfinden. Schon vor ein paar Wochen wunderte ich mich, als in deutschen Onlinemedien bekanntes Wissen als vermeintlich bahnbrechende neue Erkenntnis verkauft wurde. Auf welchem Planeten habt ihr die letzten zwei Monate verbracht? Seid ihr schon so eingelullt von den täglichen Pressekonferenzen, dass ihr gar nicht mehr wisst, warum wir uns an die vielen Verordnungen halten? Seit Mitte März informiert die AGES darüber. 

Ihr Chef Franz Allerberger am 21. März im Video über Übertragungsrisiken:

“das Reden selber alleine auf engem Raum reicht aus, um in Einzelfällen das Virus zu übertragen”

Im heutigen Text versuche ich noch einmal aufzudröseln, wie Infektionen stattfinden können und wie sie wirklich stattfinden. Ein Grundproblem der Infodemie ist nämlich die mangelnde Unterscheidung zwischen Studien, die im Labor stattfinden und Untersuchungen von tatsächlich stattgefundenen Ereignissen oder real existierenden Situationen. So werden Theorie und Praxis vermischt, und heraus kommen dann realitätsferne Abstandsregeln für Radfahrer, die selbst aktuell noch vom Alpenverein als neue Verhaltensregeln verkauft werden (siehe Mountainbike/Tourenrad, E 2). Continue reading

Tag 64: Vitamin D wichtiger als angenommen?

Ich verfolge die täglichen Youtube-Videos des Krankenschwester-Lehrers Dr. John Campbell nun schon seit Ausbruch der Pandemie Mitte März. Er hat von Beginn an die wichtige Rolle von Vitamin D betont und immer wieder bekräftigende Studien geliefert, etwa dass Vitamin D GENERELL gegen (schwere) Atemswegsinfektionen schützt. Bei Menschen mit ausgeprägtem Vitamin D-Mangel ist die medikamentöse Substitution effektiver als bei Menschen mit geringem Mangel oder normalen Werten. Bei ausgeprägtem Mangel verringert sich das Risiko jedoch um 70%! Er hat später auch aufgezeigt, dass in den USA 42% der Gesamtbevölkerung einen Vitamin D-Mangel aufweist. In der Bevölkerung mit dunkler Hautfarbe sind es sogar 82% und unter den Hispanos 70%. In zahlreichen Untersuchungen zur erhöhten Sterberate finden sich immer wieder Schwarze und Hispanos an der Spitze. In vielen Artikeln und Medienberichten wird die erhöhte Mortalitätsrate aber vorwiegend mit der gesellschaftlichen Benachteiligung in Verbindung gebracht, ein Faktor, aber möglicherweise nicht der alleinige Faktor.

So ist wissenschaftliche Tatsache, dass dunkle Haut zwar längere Zeit vor Sonnenbrand schützt, dafür aber auch langsamer Vitamin D produziert als hellere Haut. Der Großteil der Vitamin D-Produktion findet über die Sonne statt, nur etwa zehn Prozent über die Nahrungsaufnahme – ein Grund für den verbreiteten Vitamin-D-Mangel in der kalten Jahreszeit.

Vitamin D ist essentiell für die Regeneration der schützenden epithelialen Barriere der Alveoli in den Lungen, wo der Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid stattfindet. In den Alveoli verursacht das Virus lokale Entzündungen. Der Großteil wird aber von der Immunantwort selbst verursacht. Entzündete Flüssigkeitsansammlungen verhindern den Gasaustausch und verursachen Atemprobleme (ARDS). Vitamin D ist außerdem wichtig für die Reifung von Immunzellen. Weiße Blutzellen wie Lymphozyten, Monozyten, Neutrophile und Dendritische Zellen besitzen alle Vitamin-D-Rezeptoren.

Campbell bezieht sich in der gestrigen Zusammenfassung auf einen Artikel von JoAnn E. Manson, Professorin für Medizin an der Harvard Medical School. “The evidence is quite compelling”. Vitamin D ist demnach in der Lage, schwere Verläufe durch Covid19 zu verhindern. Ihr Ratschlag:

Geht raus an die frische Luft in die Sonne, bewegt Euch, aber haltet dabei Abstand!

Diesen Blogtitel hatte ich bereits an Tag 28 (08. April), also noch inmitten des Lockdowns, gewählt, und mich dabei auf einen Artikel über die Lehren aus der Spanischen Grippe bezogen, den ich hier gerne zum 150. Mal verlinke. Das ist geradezu das Gegenteil von #Staythefuckhome oder #Zuhausebleiben. Die Annahme dahinter ist nämlich, dass all jene, die draußen unterwegs sind, automatisch zur Grüppchenbildung neigen und damit das gegenseitige Infektionsrisiko erhöhen. Abstand halten war erfolgreich, das ist unbestritten, aber Abstand halten funktioniert im Freien wesentlich besser als wenn etwa Familien in den Wohnungen bleiben und sich dadurch ständig über den Weg laufen.

Abstand halten funktioniert auch durch Homeoffice effektiver als in Großraumbüros, und wenn wir je wieder zu einer normalen Bürokultur zurückfinden wollen, dann wird jetzt wieder die Zeit der Einzelbüros kommen und der Trennwände, um unmittelbare Infektionswege zu unterbinden. Aber das ist eine andere Baustelle, um die soll es hier nicht gehen.

Die Medizinprofessorin empfiehlt in Zeiten von Covid19, die (künstliche) Vitamin-D-Zufuhr deutlich zu erhöhen, auf 1000 bis 2000 IU täglich, das entspricht 25-50 mgr Vitamin-D3. Zum Vergleich: Meine zur wöchentlichen Zufuhr gedachten Vitamin-D3-Kapseln enthalten 10000 IE, das entspricht 250 mgr, also 35mgr täglich.

Campbell betont, um Missverständnissen vorzubeugen, dass Vitamin D nicht vor der Infektion mit Covid19 selbst schützt, aber vor gefährlichen antiviralen und bakteriellen Lungeninfektionen, eine der Hauptkomplikationen von Covid19.

Nur einmal anekdotisch gedacht: Meine letzte Atemwegsinfektion war am 20. März 2016. Das weiß ich noch genau, weil ich mit einem Freund an der Flatzer Wand einen leichten Klettersteig gegangen bin. Tagsüber fühlte ich mich gesund. Auf der Heimfahrt lief die Klimaanlage im Auto auf Hochtouren. Ich spürte den kalten Luftzug und fröstelte. Am nächsten Tag lag ich flach mit Fieber und Gliederschmerzen. Der grippale Infekt dauerte über eine Woche, am elften Tag machte ich wieder eine Wanderung in der Wachau, ließ es aber langsam anghen.

In den Folgejahren hatte ich keine einzige Erkältung mehr, dafür wiederkehrende Magen-Darmbeschwerden mit Sodbrennen, Reflux bis hin zu Magendarminfekten. Schnupfen, Stirnhöhlenbeschwerden und trockener Husten ausschließlich in Zusammenhang mit Reflux. Sobald ich die Ernährung umstellte, verschwanden die Beschwerden wieder. 2016 war auch das Jahr, wo ich teilzeitbedingt deutlich mehr Wanderungen machte als in den Vorjahren. In den Folgejahren war ich weiterhin exzessiv häufig unterwegs, ich brachte es auf über 70 Wanderungen im Jahr, im Schnitt also alle fünf Tage, und gelegentlich noch kurze Radfahrten oder kleinere Fotospaziergänge. Die Refluxbeschwerden verschwanden zu Jahresbeginn 2019, die Darmbeschwerden mit der Laktoseintoleranz-Diagnose im Herbst 2019. Jetzt spüre ich vor allem noch die Histaminunverträglichkeit, die pseudogrippeähnliche Symptome hervorrufen kann. Die klassische Atemwegserkrankung mit Schnupfen und Halsweh blieb mir weiterhin erspart. Ich hab Vitamin D immer wieder supplementiert, blieb aber schleißig, was die Regelmäßigkeit betrifft (klar eine Schwäche von mir). Aber: Ich bin weiterhin viel draußen unterwegs. Ich war keineswegs immer so gesund. Vor 2016 war ich häufig krank, was aber auch an Großraumbüro und psychischem Stress lag, ich war die Jahre davor aber auch weniger sportlich aktiv und hing überhaupt vor 2010 viel zu oft vor dem Computer statt rauszugehen. Ob das der alleinige Grund ist, weiß ich nicht. Die letzte influenzaähnliche Erkrankung hatte ich am 17. März 2013, danach lag ich über eine Woche mit hohem Fieber flach. Am 16. März machten wir eine anstrengende Schneeschuhwanderung, im Anschluss hatte ich Nachtdienst. Auf der Rückfahrt in der U-Bahn saß neben mir ein symptomatischer Mann, der ganz blass im Gesicht war und hustete. So hab ich mir den Infekt imho eingefangen. Vielleicht hätte damals das Masken tragen eine (schwere) Infektion verhindert. Mein Immunsystem war offensichtlich durch die körperliche Anstrengung und das anschließende Schlafdefizit geschwächt.

Letzendlich bleibt es ghupft wie ghatscht. Bewegung, ausreichend Schlaf und genug Vitamin D im Blut können nur ein Vorteil in der Risikominimierung eines schweren Verlaufs sein – sie können aber – und das ist wichtig, um keine Mythen über die vermeintliche Wunderwaffe Vitamin D zu produzieren – eine Infektion nicht verhindern, und die bekannten Faktoren Vorerkrankung, Virendosis bei der Übertragung, und (fehlende?) Hintergrundimmunität spielen weiterhin eine tragende Rolle, wie schwer man erkrankt, zzgl. derzeit noch unbekannter Faktoren.

Tag 62: Wie man eine zweite Welle verhindern könnte

Orchis militaris (Helm-Knabenkraut) am Wartberg, Ulrichskirchen (Weinviertel), 11. Mai 2020

Just thinking …wir laufen derzeit Gefahr, sehenden Auges in die Katastrophe zu gehen. Das kommt bekannt vor? Seit über 30 Jahren predigen das die Klimaforscher aufgrund des anthropogen verursachten Kohlendioxidausstoßes. Die Änderungspolitik war bisher zu halbherzig, denn die Folgen sind in den wenigsten Fällen unmittelbar, sondern langfristig, also weit über die Dauer einer Legislaturperiode hinaus. Verheerende Hochwässer wie 2013 gab es in der Menschheitsgeschichte schon öfter, Dürrezeiten wie die vergangenen Sommer werden nicht als Katastrophe wahrgenommen, weil die Mehrheit Sonnenschein und Hitze durchaus mag. Solange Lebensmittel günstig aus anderen Ländern importiert werden können, nimmt man die Missernten im Inland kaum wahr. Hitzerekorde wie im vergangenen Sommer sind bald vergessen, Waldbrände wie rund um Tschernobyl sind nur kurz in den Schlagzeilen. “Ausland” eben. Der im Flachland kaum existente Winter stört nur die nostalgischen Bewohner, nicht aber jene, die wegen der horrenden Heizkosten kaum ihre Miete zahlen können. Ein wärmer werdendes Klima scheint nicht zu stören, die Städter noch mehr als die ländliche Bevölkerung, doch es sind letztere, die zum Wasser sparen aufgerufen werden, deren Brunnen versiegen, die das Artensterben hautnah miterleben, die ihre Äcker künstlich bewässern müssen und die Heu zukaufen müssen, weil der Grasschnitt heuer wieder sehr mager ausfällt. Obwohl der Trend relativ eindeutig ist, fehlen klare Bekenntnisse der Regierung, die Folgen der Erdwärmung als größte Bedrohung des Wohlstands einzuordnen. Lobbypolitik ist eben wichtiger, so lange wie möglich die Augen vor der Wahrheit verschließen und so tun, als könnten wir ewig so weiterwurschteln.

Einen sehr ähnlichen Prozess erleben wir derzeit mit der Pandemie. Die Wissenschaftler warnen seit Wochen vor einer zweiten, viel größeren Welle und ziehen als historisches Beispiel die letzte vergleichbare Pandemie, die Spanische Grippe, heran. Auch damals hat man gelockert, im Herbst kam die vernichtende zweite Welle. Ist die große zweite Welle unvermeidbar? Müssen wir wieder in den Lockdown? Versetzen wir der Wirtschaft damit den Todesstoß?

Mein Optimismus ist aufgrund unserer Regierung begrenzt, das Grundlagenwissen der Bevölkerung hinsichtlich Ansteckungsrisiko, Immunsystem und Erkrankungsfolgen stark ausbaufähig, und zwar in allen Sprachen, sodass es alle mitbekommen, denn es müssen alle mithelfen, nicht nur die lieben Österreichinnen und Österreicher.

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Tag 60: Die Anpassungsphase beginnt

Quelle Grafik: profilonline bzw. Tweet von Jakob Winter

Danke für das Feedback zu meinem Übersichtsartikel vor vier Tagen. Dass monoklonale Antikörper in der Therapie verwendet werden und nicht als Impfstoff zu verstehen sind, habe ich nachträglich angemerkt, danke für den Hinweis. Ich schrieb außerdem, dass Telefonate in den Öffis unhöflich seien, weil durchs Sprechen Virenpartikel in der Umgebung verteilt werden. Diese Aussage steht auch nahezu wörtlich im Interview mit der Chef-Epidemologin Daniela Schmid von AGES. Danke an Martin Stephanek von Futurezone.at für das gute Interview, klare Aussagen, mit denen jeder etwas anfangen kann, kein schwammiges Geschwurbel.

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Tag 56: Wo wir aktuell stehen

Ich habe mich seit Ausbruch der Krise intensiv mit dem Virus beschäftigt und tue es immer noch. Der Informationsvorsprung in der Bevölkerung hat nicht nur Vorteile, aber er sorgt auch dafür, gewisse Risiken nüchtern betrachten zu können. Wie wahrscheinlich etwa eine Ansteckung in bestimmten Situationen ist, ob ich mich zu Tode fürchten muss. Es ist paradox. Obwohl ich Autist bin, verzettel ich mich nicht in Details, sondern betrachte immer das große Ganze. Etliche Wissenschaftler, auch Mediziner, auch Virologen, können das nicht. Sie sehen nur ihren eigenen Fachbereich und übersehen etwa derzeit, dass eine funktionierende Wirtschaft mehr bleibende Schäden verhindern kann als Covid19 verantwortet. Zu oft wird in diesen Tagen aber beides gegeneinander ausgespielt. Zu wenig wird die Politik verantwortlich gemacht, sondern der Botschafter, der unangenehme Fragen aufwirft. Ich bin ganz und gar nicht gegen die strengen Verordnungen, aber die begleitende Kommunikation der Regierung und die Rettungsmaßnahmen waren katastrophal. Da gibt es nichts zu beschönigen.

“the most successful global leaders in fighting coronavirus have communicated clearly, displayed empathy and always favored science over politics” (Christiane Amanpour, CNN – 05.05.20)

Im heutigen Text möchte ich der Frage nachgehen, was über das Virus bekannt ist. Das ist eine ganze Menge im Vergleich zu Anfang März. Wenn ich von anderen höre, “wir wissen so vieles noch nicht”, dann muss ich den Kopf schütteln. Die Regierung sagt es uns bloß nicht, sie behandelt uns lieber wie kleine Kinder und möchte bis ins kleinste Detail Regeln aufstellen statt zum selbst Denken anregen. Das ist kein Plädoyer für das schwedische Modell. Eigenverantwortung funktioniert in einem Land nicht, das seit der Monarchie gewohnt ist, von oben herab alles vorgesetzt zu bekommen. Doch die aufgestellten Verordnungen würden vielleicht effektiver und langfristiger umgesetzt, wenn man die Entscheidungsgrundlage wüsste und verstünde.

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Tag 54: Kein leichter Weg aus der Krise

Vielversprechende Neuigkeiten hinsichtlich Antikörpertest: Der Schweizer Pharmakonzern Roche hat nun einen Test mit 100% Sensitivität und 99,81% Spezifität entwickelt. Die fälschlich positiv getesteten Personen bewegen sich nur noch im Promillebereich. Am Flughafen Schwechat gibt es jetzt (nicht nur) für Passagiere einen PCR-Schnelltest, allerdings privat und 190 Euro teuer. Wenn ich etwas davon verstehen würde und netzwerken könnte, würde ich einen Fonds gründen, der Angehörigen und Betroffenen von Risikogruppen ermöglicht, bevorzugt getestet zu werden, damit, wenn schon die Bewegungsfreiheit eingeschränkt bleibt, zumindest die Isolation aufgehoben werden kann und sie zu ihren Liebsten können.

Verbote statt Zusammenhänge erklären

Verstehe die Aufregung über den vollen IKEA nicht. Wenn man sich deutlich mehr auf die Kommunikation von Verboten als auf das Erklären von Zusammenhängen konzentriert, ist doch völlig klar, dass es nach der Aufhebung der Verbote kaum Verhaltensänderungen zu vorher gibt.

Andererseits muss man auch anerkennen, dass es ein wenig (zu) viel verlangt wäre, das „Was“ und das erklärende „Warum“ gleichzeitig im vollen Umfang zu vermitteln. Gegen eine zweite Welle wird es daher wohl auch eine zweite, auf-/erklärende Welle der Kommunikation brauchen. (Stefan A. Sengl)

Die für die Dauer der Pandemie bestehende Verhaltensänderung bestünde im Abstand halten. Meine eigene Erfahrung seit Ostern zeigt, dass viele glauben, die Masken ersetzen das Abstand halten. Viele tragen außerdem die Masken falsch oder falsche Masken. Für jene mit erhöhtem Risiko eines schweren Verlaufs heißt das, dass sie in ihrer Bewegungsfreiheit stärker eingeschränkt sind als vorher. Denn bei gestiegener Kundenfrequenz und vollen öffentlichen Verkehrsmitteln KANN man keinen Abstand mehr halten.

Jeder, der sich infiziert, hat etwas zu verlieren. Seine eigene Gesundheit, sein Leben, die Gesundheit derer, mit denen er in engeren Kontakt tritt. Deren Leben. Die Risiken mögen unterschiedlich verteilt sein, aber die Schlussfolgerung ist dieselbe: Sich besser nicht infizieren.

Aber wie schon oft von mir geschrieben: Es gibt keinen 100% Schutz vor dem Risiko. Das lässt sich ein paar Wochen durchziehen, aber keine Monate und schon gar nicht Jahre. Statistisch gesehen ist aktuell das Risiko, durch einen Unfall im Straßenverkehr verletzt oder getötet zu werden viel höher als mit einem Infizierten in engeren Kontakt zu kommen. Obwohl das Infektionsrisiko für viele gleich ist (nicht für Pflege- und Gesundheitspersonal oder solchen in Büros ohne Lüftung), ist die implizierte Gefahr individuell unterschiedlich. Ich sehe in meiner Timeline unter Risikopatienten immer noch Panik vor jeder Lockerungsmaßnahme. Auch Ärzte schütteln nur den Kopf vor den aktuellen Forderungen. Die Strategie der Regierung ist nicht klar erkennbar, die begleitende Information ist in Deutschland besser, der Doktortitel der Naturwissenschaften bei der Kanzlerin macht sich bezahlt. In Österreich scheint die Perspektive der Wirtschaft und der Personengruppe ohne Vorerkrankungen zu dominieren, daher die Lockerung in fast allen Bereichen des Lebens, aber Normalisierung nicht für alle Menschen.

Es wäre aber genauso falsch, wenn Ärzte oder in Panik geratende Personen der Risikogruppe die Entscheidungsgewalt hätten. Der Lockdown lässt sich nicht über Monate durchziehen. Ich versetze mich dabei in die Perspektive einer alleinerziehenden Mutter, der gerade das Einkommen wegbricht, weil sie nicht gleichzeitig arbeiten und auf ihr Kind aufpassen kann, oder in die Perspektive der vielen freischaffenden Künstler und anderen Selbstständigen, die seit vielen Wochen auf die zugesicherte Soforthilfe warten, während ihre Ersparnisse zur Neige gehen. Aus mancher Ärzte- oder Virologensicht wird der Eindruck erweckt, es ginge die nächsten Monate ausschließlich darum, Covid19-Patienten zu verhindern. Für die Gesamtheit aller individueller Perspektiven auf die Krise braucht es PUBLIC-HEALTH-Experten wie Martin Sprenger sowie einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, der in Österreich aber nie erwünscht war und ist. Stattdessen schimpfen wir uns gegenseitig Trotteln und gleiten in die Inhumanität und Entsolidarisierung ab. Die Regierung erlässt Verordnungen bis in jeden Winkel des Lebens. Eigenverantwortung ohne Aufklärung funktioniert nicht, ein wunderbares Totschlagargument, um weiter von oben herab zu regieren und die Bevölkerung für zu dumm zu erklären, sich richtig zu verhalten.

Keine bekannte Ansteckung im Freien, in Öffis oder im Supermarkt in Wien (n = 600)

Einer der wenigen sachlichen Stimmen kommt vom tüchtigen Mediensprecher von Stadtrat Hacker (Wien) , der – Stand 03. Mai 2020 – bestätigt, dass bisher noch keiner der 600 Covid19-Fälle in Wien auf eine Ansteckung im Freien, in den Öffis oder im Supermarkt zurückgeführt werden kann. Doch Vorsicht: Evidence of absence is no absence of evidence, wie es so schön heißt. Völlig ausschließen kann man gar nichts. Dass das Risiko viel viel geringer ist im Freien als in geschlossenen Räumen, war aber schon früh bekannt und wurde durch namhafte und weniger bekannte Virologen wiederholt kommuniziert.

„In the CDC report, even super-spreaders can’t seem to infect people effectively in open spaces, even in areas with high population density.“ (28. März 2020)

Die einzige bekannte Ausnahme sind Fußballspiele, wo sich Fans in den Armen liegen, sich gegenseitig anhusten, ihre Getränkebehälter reichen, gröhlen, schreien und singen – eine bessere Umgebung für eine Übertragung kann es aus Sicht eines Virus nicht geben. Vielleicht werden Fußballspiele und Konzerte wieder möglich sein, aber mit reduziertem Publikum, um Abstände zu halten. Indoor kaum vorstellbar, dass die geplanten Abstands- und Maskenregeln irgendetwas bringen, speziell auch bei Restaurantbesuchen.

Trotz dieser Erkenntnisse hielt die Bundesregierung die Bundesgärten in Wien (nicht aber in Wiener Neustadt!) wochenlang geschlossen mit der Begründung, das Virus lauere draußen. Innenminister Nehammer hat nie öffentlich Stellung bezogen zu Denunzianten, die vermeintliche Gefährder bei der Polizei verpetzten. Das ist das, was ich gestern u.a. mit dem Vorwurf der Gehirnwäsche meinte. Der Bevölkerung wurde das Bild vermittelt, dass alleinig das Verlassen der Wohnung eine Gefahr für andere bedeute, sich zu infizieren. Es wurde der Eindruck vermittelt, das Virus sei so ansteckend wie Masern oder Pocken und schon das bloße Aneinandervorbeigehen am Gehsteig oder im Park bzw. beim Radfahren in Gruppen würde das Virus verbreiten. Diametral anders lauteten die (spärlichen) Infos der AGES, die wiederholt betonten, dass mindestens 10-15 Minuten engerer Kontakt mit einem Infizierten notwendig seien. Dann genüge normales Sprechen. Der AGES-Sprecher beruhigte außerdem, dass er sich in öffentlichen Verkehrsmitteln sicher fühle, solange genügend Abstand zu anderen Fahrgästen gegeben sei.

Aus China wusste man früh, dass Ältere stärker gefährdet waren als jüngere. In etlichen westlichen Ländern hat man Alters- und Pflegeheime schlicht übersehen. Das ist etwas, was mich im Nachhinein schockiert, wie das passieren konnte. Unsichtbar bleiben (blieben) Ansteckungsorte am Arbeitsplatz – nicht alle Angestellten konnten oder durften ins Homeoffice und in den eigenen Haushalten, auch wenn die Übertragungsrate vergleichsweise gering ist (unter 20% Ansteckungen von Familienmitgliedern).

Ich hab die Entwicklung die letzten Wochen sehr aufmerksam verfolgt, ich habe nicht nur Podcasts gehört, sondern auch Paper gelesen und die Einordnung von diesen Papern durch Experten. Es gibt Unterschiede zwischen echten Fallberichten und Modellsimulationen. Jeder Artikel hat seine Beschränkungen, auf Interessenskonflikte ist zu achten, speziell wenn es um wirtschaftliche Interessen geht. Ganz ehrlich: Ich hätte erwartet, dass die Fallzahlen in Österreich viel stärker ansteigen, angesichts weiterhin geöffneter Supermärkte, den Schlangen darin, angesichts der Menschenmassen in den Parks, auf der Donauinsel, im Prater, am Donaukanal, die keuchenden Jogger und die Radfahrergruppen. Die Abstandsunterschreitung in den Öffis zu den Rush Hourn, wenn jene, die kein Home Office machen durften oder konnten, zur Arbeit fuhren. Passiert ist nichts, jedenfalls nichts Dramatisches. Das bloße Physical Distancing hat bewirkt, dass die Zuwachsraten konstant fielen. Nicht das exzessive Desinfizieren aller Gegenstände und Oberflächen, nicht die Masken in der Öffentlichkeit, sondern das Abstand halten. Und testen, testen, testen, nachverfolgen und isolieren. Das ist der Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie.

Ich rede die Gefahr vom Virus übrigens nicht klein. Ich kenne auch etliche Berichte von schweren, womöglich irreversiblen Lungenschäden, auch bei jungen Menschen ohne bekannte Vorerkrankungen. Ich hab die Theorien gelesen, dass Covid19 Gemeinsamkeiten mit dem HIV/Ebola-Genom hat, dass Gefäßentzündungen gehäuft auftreten und dass bei der Intensivbehandlung häufiger Blutverdünner gegeben werden muss als üblich. Das Virus ist nicht harmlos. Und selbst wenn es weniger tödlich wäre als die Influenza (die Übersterblichkeitszahlen sagen das Gegenteil), möchte ich keine lebenslangen Einschränkungen durch verminderte Lungenkapazität davontragen.

Das Leben muss für uns alle aber weitergehen. Mit dem Risiko. Nur: Es gibt keine ”one size fits all” Lösung. Was für den einen praktikabel ist, kann für den anderen inakzpetabel sein. Wir wissen zu wenig von unseren jeweiligen Lebensrealitäten.

Wie in Berlin den Unternehmen geholfen wird:

Kurz war die Angst um die Zukunft schon da: eine Woche nach der Schließung aller Bars in Berlin Mitte März. An einem Freitag pfändete das Finanzamt Stadlers Konto, er war mit der Umsatzsteuervorauszahlung in Verzug. Ein Anruf beim Amt am Montag darauf, und die Pfändung war aufgehoben. 48 Stunden und eine sechsstellige Wartenummer später hatte er 14.000 Euro mehr auf dem Konto – die beantragte Nothilfe, 9.000 Euro vom Bund, 5.000 vom Land Berlin. „Ich musste nichts dafür tun, außer meine Steuer- und meine Personalausweisnummer anzugeben“, sagt er. „Dass der Staat das so schnell und unkompliziert hinbekommen hat, ist beeindruckend.“

Quelle: https://www.freitag.de/autoren/sebastianpuschner/ein-traum-blueht-wieder-auf

In Österreich sieht es hingegen düster aus, weil nicht das Finanzamt zuständig ist, sondern die WKO, die Datenstriptease verlangt, zum Teil mit Umsatzplanungen bis weit in 2021 hinein, wo noch nicht einmal klar ist, wie sich Tourismus und Kaufkraft bis dahin entwickeln. Der deutsche Weg wäre unbürokratischer. Und wenn tatsächlich Firmen gefördert wurden, die genügend Eigenkapital und Überschüsse hatten, könnte man auch nachträglich prüfen und zurückfordern.

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Stellungnahme zur wirtschaftlichen Schieflage in Österreich

Tag 52, 02. Mai 2020 – ein vorläufiger Schlussstrich

Keine Sorge, ich blogge weiter, aber nicht mehr täglich, sondern wieder unregelmäßiger, vielleicht mehrmals am Tag, dafür tagelang nicht. Aber nachdem die Folgen der Pandemie nicht so schnell vorübergehen würden, muss ich meine Ressourcen besser einteilen. Zudem hab ich die letzten Tage zunehmenden Unwillen gehabt, mir die medizinischen Podcasts reinzuhauen. Der Hickhack um vielversprechende Medikamenten-Studien, die später wieder zurückgenommen oder zerpflückt werden, zeigt auch, dass hier echte Expertise verlangt wird, deren Seriösität zu beurteilen. In Retroperspektive finde ich es trotzdem interessant, wie sich alles entwickelt wird. So ein Archiv ist da durchaus praktisch.

Österreich hat sich für mich leider entzaubert. Ich lebe hier seit September 2004. Nicht nur einmal dachte ich darüber nach, mich einbürgern zu lassen, fragte nach wegen den formalen Anforderungen, wäre bereit gewesen, die tausend Euro dafür zu zahlen, für ein so simples und doch so wichtiges Recht wie das Wahlrecht. Mir ist wohl bewusst, dass es in anderen Ländern nicht unbedingt besser ist als hier, aber ich lebe dort nicht und kann nur meine Erfahrungen, Empfindungen und Gefühle für mein Leben hier wiedergeben.

Vorab – ich hab nicht alle Themen abgedeckt in dieser kritischen Analyse. Das weitreichende Feld der Kommunikation von Maßnahmen, die fehlenden wissenschaftlichen Daten für Forscher und Analysten und die psychischen Folgen habe ich ausgeklammert bzw. nur teilweise angerissen.

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Tag 51: Nichtstun

cases

Bis zum Freitag, 01. Mai 2020, 15.00, wurden folgende tägliche Neuzuwächse seit dem Höhepunkt der ersten Welle gemeldet. Heute sind es 34 neue Fälle, davon 27 aus Wien.
Quelle: http://dashcoch-at.herokuapp.com/

Auf Grund der §§ 1 und 2 Z 1 des COVID-19-Bevormundungsgesetzes, BGBl. I Nr. 12/2020, zuletzt geändert durch das Bundesgesetz BGBl. I Nr. 23/2020 und des § 15 des Epidemiegesetzes 1950, BGBl. Nr. 186/1950, zuletzt geändert durch das Bundesgesetz BGBl. I Nr. 23/2020 wird anhand der Meinungsumfragen als wissenschaftliche Datengrundlage für die täglichen Pressekonferenzen für alle Österreicherinnen und Österreicher verordnet:

Amtliche Verordnung zum Nichtstun.

§ 1 Das Tun vom Nichts ist grundsätzlich verboten.

§ 2 Davon ausgenommen sind …

(1) Beim Tun ist ein Mundnasenschutz vor dem Nichts zu tragen.

(2) Denker, Träumer, Philosophen, weil berufliche Tätigkeit.

(3) Nichtstun für maximal 24 Stunden des Tages.

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Tag 50: Viele Regeln

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Mir geht’s wie dem Hund.

Fünfzigstes Jubiläumstagerl des Pandemie-Ausbruchs, wie er erstmals in mein Bewusstsein schlüpfte.  Wie schon mehrfach auf Twitter angemerkt wurde, ist es diese Halbnormalität, die beunruhigender ist als der Lockdown selbst. In weniger als vier Stunden erlöschen die Ausgangsbeschränkungen in Österreich, aber Abstand halten gilt weiterhin. Und damit einhergehend in ALLEN Lebensbereichen unzählige Regeln. Als Autist schätze ich klare Strukturen und Regeln, zugleich müssen sie für mich aber nachvollziehbar und verhältnismäßig sein. Es gibt mangels wissenschaftlicher Daten keine öffentlich einsehbare Entscheidungsgrundlage für beides. Continue reading

Tag 49: Wo stehen wir jetzt?

8Wer denkt, ich könnte einmal einen Tag aussetzen mit Romane schreiben, irrt. Ich hab für heute mehrere Punkte auf der Agenda. Ich habe auch die Menüstruktur weiter unterteilt, damit nicht zu viele Links auf einer Seite landen.

Zuerst eine Wuchtel, die mir heute Vormittag nach dem Aufwachen eingefallen ist:

Die Gefahr ist nicht die naive Grundimmunität, sondern die immune Grundnaivität.

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