Tag 728: Propagandakampf in Österreich

Endgegner Interessenskonflikte – ein Symbolbild für den Zustand der Demokratie in Österreich.

Aktuelles Beispiel: Die immer donnerstags tagende Corona-Ampelkommission beschloss folgende Empfehlung:

“Aufgrund des steigenden Trends und der steigenden Belastung im Bereich der Normalstationen empfiehlt die Corona-Kommission die bundesweite Wiedereinführung von geeigneten Präventionsmaßnahmen.”

Alle Mitglieder waren dafür, nur die Vertreterin des Bundeskanzleramts, Dagmar Szalkay-Totschnig, (vorher Referentin im Kabinett von Ex-Kanzler Kurz) enthielt sich. Kurz nach dem Leak an die Presse urgiert die Sektionsleiterin für Öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium , Katharina Reich, die Empfehlung abzuschwächen und das Wort “Wiedereinführung” zu meiden. Aus der Empfehlung wird:

“Aufgrund des steigenden Trends und der steigenden Belastung der Normalstationen empfiehlt die Corona-Kommission die Umsetzung geeigneter Präventionsmaßnahmen.”

Dieses Mal enthalten sich die VertreterInnen der Bundesländer und des Bundeskanzleramts, mit Ausnahme von Tirol, Oberösterreich, Steiermark und Wien.

Die Stellungnahme des Gesundheitsminister Rauch:

“Wir müssen sehr darauf achten, Akzeptanz und Verständnis in der Bevölkerung nicht zu verlieren. Eine Verschärfung der Corona-Maßnahmen wenige Tage nach der weitgehenden Öffnung wäre der Bevölkerung nicht vermittelbar.”

Quelle: Standard, 10.03.22

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Gastbeitrag: Schattenfamilien und Risikogruppen – Zerrieben zwischen Selbstschutz und Gaslighting.

Ein Gastbeitrag von Katharina Nasobem

Tausende Personen, die entweder selbst der Risikogruppe angehören oder vulnerable Angehörige haben, werden nun von der Regierung, aber auch von der Gesellschaft, im Stich gelassen. Ihnen allen ist eines gemeinsam: Sie haben keine Wahl. Sie können nicht „kurz lockerlassen“ oder sich eine „Auszeit von der Pandemie gönnen“. Ihre Situation ist lebensbedrohlich und die Solidarität ihnen gegenüber ist – auch von ehemals Verbündeten – fast aufgebraucht.

Wer sind sie, diese Risikopersonen?

Seit den Anfängen der Pandemie hält sich ein Gerücht nach wie vor hartnäckig: Risikogruppen solle und könne man isolieren. Frühpension, frühzeitiger Mutterschutz, vorzugsweise Absonderung eines Großteils in Alten- und Pflegeheimen. Ein Türsteher, der Fieber misst. Problem gelöst.

Dass Risikopersonen aber nicht nur in Heimen anzutreffen, sondern Teile unserer Gesellschaft sind, wird ausgeblendet. Sie sind aktiv, mitten im Leben, berufstätig, haben Freunde, haben Kinder oder sind selbst noch Kinder. Patientenanwältin Sigrid Pilz kritisiert schon lange, „dass der Schutz vulnerabler Kinder vom ‚Narrativ zu schützender Intensivstationen und Pflegeheime‘ verdrängt wurde“1.

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Tag 721

Mir fällt kein vernünftiger Titel mehr ein. Gestern ist der österreichische Gesundheitsminister Mückstein zurückgetreten, angeblich wie alle Politiker vor ihm wegen den vielen Drohungen und RundumdieUhr-Polizeischutz. Mückstein hat vor seinem Antritt im April 2021 in Talksendungen das Richtige gesagt, aber seit seinem Antritt das Falsche wiederholt und umgesetzt.

Ich erlebte eine nicht überwindbare Ambiguität, was über Mückstein gesagt wurde (“er ist kompetent”, “er hört auf die Wissenschaft”, “er war immer gegen Lockerungen”) und, was beim Bürger ankam: Lockerungen verteidigt, keine Hilfe für Longcovid-Opfer und nur Spitäler schützen im Fokus.

Es war klar, dass irgendwann der Tag kommen würde, wo man die Pandemiebekämpfung aufgibt. Es haben internationale Wissenschaftler gewarnt, dass OMICRON weniger schwer wie DELTA, aber NICHT MILD ist. Neueste Daten aus England zeigen, dass die LongCOVID-Fälle mit OMICRON zunehmen – so wie es befürchtet worden war, weil OMICRON i) Immun Escape macht und ii) auch bei Mehrfachgeimpften die berüchtigten “milden” Verläufe, von denen wir ja wissen, dass danach LongCOVID entstehen kann.

Vernunftgesteuerte Menschen hatten gehofft, dass man uns erst in die Eigenverantwortung entlässt, wenn es einen Paradigmenwechsel gibt, wenn Maske tragen selbstverständlicher Teil des neuen Alltags wird, solange Infektionszahlen hoch sind, dass es überall im öffentlichen Raum CO2-Ampeln gibt, dass Kindergärten und Schulen mit Ventilations- und Luftfilteranlagen ausgestattet werden, und besserer technischen Ausstattung, um bei Clusterausbrüchen temporär und rasch ins Distance learning wechseln zu können. Ebenso dachten wir, dass man ja wohl warten würde, bis die 0-5jährigen geimpft werden könnten, ein variantenspezifischer Booster kommt und/oder die antiviralen Medikamente für die breite Bevölkerung verfügbar sind, damit jeder, der gefährdet ist ODER sich vor LongCOVID berechtigt Sorgen macht, prophylaktisch etwas machen kann, sollte bis dahin KEIN variantenspezifischer Booster oder eine NIG-Empfehlung bereitstehen.

Morgen, Samstag, 05.03., am Rande des 3. Weltkriegs, wird also in Österreich weitreichend gelockert – der Beschluss wurde gezeichnet von jenem Minister, der nach eigenen Aussagen gegen die Lockerungen war. Grundsätzlich: Ich verurteile jede Form von Gewaltandrohung gegen wen auch immer. Ich glaube aber nicht, dass man der Öffentlichen Gesundheit in Österreich einen Gefallen tut, wenn man so Politik macht wie unter Mückstein. In meiner Zitatliste findet sich genug von Mückstein, über “Meine Aufgabe ist es, die Überlastung der Spitäler zu verhindern” über ein Foto von ihm im feschen MECFS-Leiberl bis hin zu der Ausnahme von Kindern, Schwangerern und Risikogruppen aus der Impfpflicht, die jetzt defakto verschoben wurde. Zum Schluss die Stellungnahme, wonach weitere Forschung und Unterstützung zu MECFS abgelehnt wurde. Das ist einfach hochgradig falsch und beschämend. Nicht erst seit gestern, sondern von Beginn an der falsche Fokus.

Ich gebe die Niederlage offen zu. Wir haben alle verloren, nicht nur NoCOVID-Befürworter und “vulnerable Menschen”, sondern auch all die “Durchschnitts-” Menschen, die durch zwei Jahre Desinformation geglaubt haben, dass GreatBarrington, von dem sie nicht einmal wissen, dass es unsere Pandemiestrategie seit Sommer 2020 ist, der richtige Weg aus der Pandemie wäre. Das ist also eine Niederlage für die Öffentliche Gesundheit, für die Kinder, für all jene Menschen, die sich schützen wollen. Es ist eine Niederlage für den Versuch von zwei Jahre Aufklärung. Es führt zur Ausgrenzung und Mobbing derer, die sich immer noch schützen wollen. Es ist eine Niederlage für mich persönlich.

Ich hätte darüber gerne eine Wutrede verfasst, ein Buch, um alles aufzuschreiben, in eine zeitliche Reihenfolge zu bringen. Jetzt kommt leider der Krieg, und zerstört auch den Versuch, mit dieser furchtbaren Regierung, seiner unfähigen Politiker, Medien und sich duckenden wissenschaftlichen BeraterInnen zu leben. Wenn morgen also die “zurück zur Normalität” ausgerufen wird, ist es das Gegenteil von normal. Das spüren derzeit eine Menge an BA.2 erkrankter Menschen, auch nach mehreren Impfungen. Und selbst wenn alle gesund würden, ist da noch die unmittelbare Kriegsgefahr. Nur, wer völlig empathiebefreit ist und keine Nachrichten sieht, der kann die nächsten Tage und Wochen “normal” weiterleben, und sich keine Gedanken machen, wie es weitergeht.

Nicht das Ergebnis, das ich mir nach 2 Jahren Pandemie gewünscht hätte.

Nachtrag, 12.00 Uhr

Es kommen jetzt hunderttausende Flüchtlinge, viele Familien, viele ungeimpft, viele unverschuldet nach Propaganda durch russische Medien und Verschwörungsgruppen. Sie suchen Schutz in westlichen Ländern, in der EU, wo das Virus jetzt unkontrolliert freigelassen wird. Das ist auch abscheulich, das ist verantwortungslos. Da kann man man noch Solidarität reden und Bürgerpflicht. Wir gefährden auch sie. Sie sollten nicht vor einem Verbrecherregime fliehen müssen, um bei uns dann schwer zu erkranken oder gar zu versterben. Mir fehlen die Worte zu dieser doppelten humanitären Katastrophe.

Tag 718: Zeitalter der Verbrechen an der Menschlichkeit

Sehr pathetisch, aber vielleicht ist das einer der letzten Einträge vor dem Atomkrieg, der die Menschheit vernichtet. In naher Zukunft hat der Krieg im Osten erst einmal nur meinen Wanderurlaub verhindert, denn unter diesen Umständen verbringe ich meine freien Tage lieber mit den Angehörigen. Das war vor einer Woche noch nicht absehbar. Es war ja auch unvorstellbar.

Klimakatastrophe

Gestern erschien ein neuer Bericht des Weltklimarats. Zusammengefasst:

“Zu wenig Geld, zu wenig Engagement und mangelnde politische Führung. Das Zeitfenster für eine klimaresiliente Zukunft schließt sich.” – Der IPCC-Bericht in 4 Minuten vom “Standard”

Pandemiekatastrophe

Nur weil gerade Krieg herrscht und ein Weltkrieg droht, ist die Pandemie nicht über Nacht verschwunden. Wie in unzähligen Blogeinträgen berichtet, hat man sich nach Ende des ersten Lockdowns für die falsche Strategie entschieden, in vielen Ländern der Erde. Großbritannien und Schweden sowie Teile der Trump-gefärbten USA haben schon in der ersten Welle auf Herdenimmunität durch Durchseuchung gesetzt. Das hat zu enormen Opferzahlen und eine riesige LongCOVID-Welle geführt. In Großbritannien kam die Strategieumkehr spät, in Schweden gar nicht. Bis heute sind dort Masken verpönt. In Wahrheit ist es auch so, dass etliche Länder der Welt sehr unterschiedliche Arten haben, ihre Toten zu zählen, aussagekräftig ist am Ende nur die Übersterblichkeit. Die GreatBarrington-Doktrin hat ganze Arbeit geleistet, auch in Indien und Brasilien, wo verheerende Virusvarianten entstanden sind. In Großbritannien breitete sich ALPHA aus und in Südafrika BETA und OMICRON. Die ansteckenderen und den Immunschutz umgehenden Varianten gefährdeten bald auch jene Länder, die sich bisher vorbildlich mit einer ZERO-COVID-Strategie hervorgetan haben, z.B. Uruguay, Australien, Mongolei, aber auch Neuseeland, das jetzt 20000 Neuinfektionen am Tag hat. Im Gegensatz zu uns haben diese Staaten aber fast zwei Jahre lang hohe Opferzahlen (Tote und LongCOVID) vermeiden können, und lassen die Infektion erst jetzt ins Land, wo die Durchimpfungsraten hoch sind. Auch das wird Opfer produzieren, weil nicht jeder ausreichend Immunschutz aufbauen kann, aber es sind dennoch um eine Vielzahl weniger als in impfskeptischen Ländern.

Wie wir aus diesem Thread erfahren, hat Russland die Impfskepsis weltweit gefördert, vor allem in der Ukraine, das nur 36% Durchimpfungsrate vor dem Krieg aufwies (siehe Tweet 86ff), aber auch hierzulande bei den FPÖ- und Putin-nahen militanten Covidleugnern und Impfgegnern. Immer neue Virusvarianten trafen mit Unterstützung der Untätigkeit der Regierung und Beratung durch falsche Experten auf eine schlecht durchgeimpfte Bevölkerung. Die westlichen Länder inklusive Österreich haben vieles falsch gemacht, wobei Länder wie Portugal, Spanien, Frankreich und Italien nach der traumatischen ersten Welle viel strikter ihre Basismaßnahmen umsetzten, z.B. generelle Maskenpflicht und harte Strafen bei Verstößen. Österreich hatte die harten Verstöße nur in der ersten Welle und dabei unverhältnismäßig, wenn sich Personen im Freien aufhielten. Dennoch konnte GreatBarrington auch in Europa weitgehend Fuß fassen, die Durchseuchung der Kinder und damit Erzeugung einer nie realistisch gewesenen Herdenimmunität, spätestens seit dem Aufkommen der Virusvarianten, lief verbreitet unter dem Vorwand, dass Kinder sich nicht anstecken könnten, die meisten Infektionen im Haushalt stattfinden würden oder Kinder nicht schwer erkranken könnten. Das relative Risiko einer schweren Erkrankung ist für Kinder tatsächlich gering, aber in absoluten Zahlen sind es trotzdem viel. In den USA ist die Zahl der covidtoten Kinder mit DELTA und OMICRON deutlich gestiegen. Die zweifache Impfung reduziert dagegen das LongCOVID-Risiko bei Jugendlichen auf einen Fall in 1 Million Geimpften, verglichen mit 200 Fällen in 1 Million ungeimpfter Kinder.

Die Pandemie ist mit OMICRON nicht zu Ende. Die Wissenschaftler haben früh gewarnt, dass nicht das Virus milder wird, sondern die Bevölkerungsimmunität durch Impfung und Infektion gestiegen ist. Mehrfachinfektionen sind längst Realität, manche Kinder haben sich bereits drei Mal infiziert. Ob wiederholte Infektionen vom Körper leichter vertragen werden, ist pure Glückssache und derzeit nicht vorhersagbar. Das gilt auch für immunkompetente Erwachsene, die schon drei Mal geimpft sind, insbesondere wenn die Impfung schon länger her ist. Das gilt insbesondere für ältere Menschen mit nachlassendem Immunschutz, und für schwer immunsupprimierte Menschen (Krebserkrankung, Transplantation, Immundefekte). Ob sich Jahre später wie bei anderen Virenkrankheiten Spätfolgen zeigen können, selbst wenn man geimpft ist bzw. eine Infektion ohne später auftretende Symptome überstanden hat, ist unklar. Das erfahren wir erst in fünf bis zehn Jahren. Mit anhaltend hoher Inzidenz, Freedoomsdays und Wegfall der Maskenpflicht in den Schulen und ab dem kommenden Wochenende Wegfall der meisten Maßnahmen inklusive Druck, sich trotz geltender Impfpflicht impfen zu lassen, sofern man nicht in eine Verkehrskontrolle gerät, wirft man all jene Menschen, die man in der ersten Welle schützen wollte – Alte, Kinder und chronisch kranke Menschen, darunter auch die Gruppe an LongCOVID-Kranken, denen eine weitere Impfung teilweise mehr schadet als nützt – unter den Bus. Das ist unverzeihlich. Ja, das ist auch ein Verbrechen, und es wird zu viel darüber geschwiegen. In den Medien, in der Opposition, von Wissenschaftlern, die wegen Abhängigkeitsverhältnissen ihren Job nicht verlieren wollen (in Deutschland gibt es weniger politische Verhaberung in etlichen Institutionen und wesentlich mehr Wissenschaftler kritisieren falsche politische Entscheidungen öffentlich und heftig), aber natürlich auch der leise Protest in der Bevölkerung gegen die Regierung. Da kommen keine rosigen Zeiten auf uns zu.

Kriegsverbrechen

Dazu muss ich nicht viele Worte verlieren, der oben verlinkte Thread mit 115 Tweets über die Geschichte des Angriffs von Russland auf die Ukraine ist erhellend genug. Die abscheulichen Kriegsverbrechen, die seit Kriegsbeginn passieren und gezielt die Zivilbevölkerung, auch Spitäler, auch Kinderkrebsstationen treffen sollen, sind nicht mit Worten zu beschreiben – siehe auch dieses emotionale Interview im Ö1-Mittagjournal von Franz Renner mit dem ehemaligen ukrainischen Botschafter (nachzuhören noch eine Woche). Mir kamen die Tränen dabei.

In den USA zeigen Fernsehdiskussionen, wonach man fassungslos wäre, dass so ein Krieg mit weißen, blonden Menschen mitten in Europa stattfinden könne, ein weiteres Mal den tiefsitzenden Kolonialrassismus auf. Die Tagesschau weist die Darstellung zurück, dass es an der Grenze zur Ukraine zu systematischen Rassismus kommen würde. (28.02.22), hier wird anderes berichtet.

In Österreich wurde wenige Tage vor Kriegsbeginn ein 13 jähriger Bub aus Aserbaidschan (übrigens auch ein ehemaliger Staat der Sowjetunion) abgeschoben. Bei Ukrainern sind aber selbst ÖVP-Politiker bereit, nach Flüchtlingsquartieren zu suchen. Das ist alles so falsch und scheinheilig. Die Rolle Österreichs, der Kniefall Kneissls vor Putin bei ihrer Hochzeit, die wirtschaftliche Verhaberung, die Aufsichtsrats- und Managementposten in russischen Unternehmen, die Oligarchensitze am Land, es gäbe hier eine Menge schonungslos aufzuklären.

Das sind keine schöne Aussichten. Zu hoffen ist, dass die russische Bevölkerung noch rechtzeitig aufwacht, bevor ein nuklearer Krieg entfacht wird. Das ist momentan die einzige Hoffnung, denn militärisch wird sich der Krieg gegen eine Atommacht nicht beenden lassen. Ich hoffe, dass das nicht mei letzter Beitrag war, auch wenn wir ohne Krieg schon bedient genug sind.

Nachtrag:

Ukraine is Just the Beginning SECRET DOCUMENT REVEALS Putin’s Long War on Europe

TAG 715: 2 Jahre Pandemie – mittendrin statt am Ende

Heute vor zwei Jahren schrieb ich meinen ersten Beitrag zur Pandemie. Das war kurz vor meinem letzten regulären Urlaub mit einer Alpenvereinsgruppe in den Seetaler Alpen, wo wir zwei Tage Schneeschuhwandern gingen. Eine ähnliche Zusammensetzung der Gruppe wäre ironischerweise am kommenden Wochenende geplant gewesen, worauf auch das Ende aller Maßnahmen (nicht aber die Pandemie! ) fällt. Damit hätte sich das Kapitel jetzt schließen können. Das wird leider nicht passieren.

Gestern sah ich im Live-Blog zur Kriegsberichterstattung der Tagesschau ein Interview zum Thema Sanktionen (23:25). Ob man nicht sehen wollte, dass in der Ukraine ein Krieg drohe:

Carlo Masala, Politikwissenschaftler:

Weil es einfacher ist, Fakten zu ignorieren, wenn sie nicht sozusagen ins eigene, idealistische Weltbild passen. Man will sich nicht auf worst-case-Szenarien vorbereiten, weil das bedeuten würde, dass man Geld in die Hand nehmen muss. Das bedeutet, dass man unangenehme Entscheidungen treffen muss , die man letztendlich der Bevölkerung verkaufen muss. Von daher ist es einfacher, den Vorstellungen, die idealistisch gewesen sind, anzuhängen und jetzt ist der Zug komplett gegen die Wand gefahren.”

Damit ist eigentlich alles zum Ukraine-Krieg, aber auch zur Pandemiebekämpfung gesagt.

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So a Schas ….

Als der erste Lockdown kam und die Bilder aus Bergamo dachte ich nur, das passiert jetzt aber nicht echt, das kann nicht sein. Damals war ich schockiert, wie schnell das alles ging. Ich hatte aber auch den Jänner auf Kur verbracht und kaum Nachrichten konsumiert. Das zweite Mal hatte ich dieses Gefühl seit Jahresbeginn, als alle westlichen Staaten beschlossen, OMICRON als Ticket in die Endemie zu betrachten, obwohl die Wissenschaft davor gewarnt hat. Nein, nicht alle Wissenschaftler, Österreichs Regierungsberater sind ja viel klüger als der Rest der Welt und haben die Regierung darin bestärkt, den Weg zu gehen, wie er jetzt begangen wird. Dieser Fehler ist ebenso schwer und unverzeihlich, da uns auf Jahre bis Jahrzehnte beeinträchtigend wie die Kriegserklärung von Russland an die Ukraine. In beiden Fällen sterben Menschen, im Krieg als Medienspektakel, in der Pandemie meistens leise, auf Intensivstationen, in Altersheimen oder das Verschwinden von Millionen Menschen aus der Öffentlichkeit durch LongCOVID und MECFS. Beides unverzeihlich und für die nächsten Jahrzehnte sicherlich keine Hilfe im Kampf gegen die Erderwärmung. Jetzt hat man also zum dritten Mal innerhalb von zwei Jahren das Gefühl, dass das alles so unwirklich ist, was gerade geschieht. Die Hoffnung bestand, dass wie früher einfach nur ein bisschen Säbelrasseln passiert, aber der Krieg diplomatisch abgewendet wird, wie das halbwegs zivilisierte und rationale Staatsführer in den letzten Jahrzehnten auch getan haben. Diese Sicherheit in den Sieg der Vernunft ist nicht mehr da. Ich kann mich aber nicht auf zwei Katastrophen gleichzeitig konzentrieren. Das heißt nicht, dass ich das, was weniger als 400km östlich der österreichischen Grenze passiert, bagatellisieren will, aber ich kann es Null beeinflussen. Es liegt außerhalb meiner Kontrolle und kostet nur unnötige Energie. Daher wird das hier, außer es sieht nach Weltuntergang aus, mein einziger Beitrag zu dem Thema bleiben, und ich widme mich auch weiterhin, soweit ich die Kraft dafür aufwenden kann, der Pandemie.

Tag 712: Die Regierung verbreitet gefährliche wissenschaftliche Desinformation

Don’t look up! Die Staaten weltweit lassen alle Maßnahmen fallen und ein mutierfreudiges, neutropes Virus mit schwerwiegenden Langzeitfolgen auf hohem Niveau endemisch werden.
Aktueller Stand zu BA.2Screenshot aus meinem Blog (‘teilweise’ wurde nachträglich ergänzt, weil die genannten Studien auf eine gewisse Kreuzimmunität bei BA.1/BA.2 hinweisen. Das Reinfektionsrisiko ist bei ungeimpften Kindern demnach am höchsten)

Laut einer heutigen Presseaussendung von Gesundheitsminister Mückstein soll demnächst die monoklonale Antikörperkombination Evusheld für Immungeschwächte prophylaktisch zur Verfügung stehen. Die Therapie ist aber naturgemäß dann effektiv, wenn sie vor der Infektion bzw. vor der Entwicklung von ersten Symptomen eingeleitet wird. Ein weiteres Problem könnte sein, dass die ab März dominante BA.2-Subvariante von OMICRON die meisten therapeutischen monoklonalen Antikörper wirkungslos macht, darunter auch Evusheld, wie Zhou et al. (15.02.22) explizit schreiben:

“We report here, using a spike protein-pseudotyped lentivirus assay, that Omicron BA.2 is not neutralized with detectable titer by any of the therapeutic monoclonal antibodies, including Sotrovimab and the Evusheld monoclonal antibodies.”

Zum heute bekannt gegebenen Aus der Schutzmaßnahmen ab 5. März 2022 ist wieder einmal ein Faktencheck notwendig:

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Tag 706: Lockerungen ohne wissenschaftliche Substanz

Vorfrühlingsgefühle am Anninger, 16.02.22

Immer, wenn große Pressekonferenzen in den vergangenen zwei Jahren anstanden, egal ob Lockdown-Verkündigungen oder weitreichende Lockerungen, zog es mich in die Berge, in den Wald, hauptsache weg von der Zivilisation. Seit dem ersten Lockdown waren die Beschlüsse eher zum Weinen. Der zweite Lockdown kam zu spät, der dritte Lockdown auch und kam nur im Osten. Der vierte Lockdown wäre beinahe gar nicht gekommen, weil die ÖVP am Narrativ, dass die Pandemie für Geimpfte vorbei sein würde, unbedingt festhalten wollte. Obwohl OMICRON auch Dreifachgeimpfte anstecken und infektiös machen kann, werden Dreifachgeimpfte weiterhin von vielen Regeln ausgenommen und gefährden damit ungeimpfte Kinder und generell Menschen, die trotz Impfung nur unzureichenden Impfschutz aufgebaut haben.

Seit Welle 1 wird von der Bundesregierung immer wieder der gleiche Fehler gemacht: Man orientiert sich nicht an Inzidenzen, sondern gibt ein festes Datum vor, an dem gelockert werden soll. Dieses Mal ist es der 5. März. Zwar wurde der Leerdenkerbegriff nicht verwendet, aber de fakto ist es ein Zugeständnis an Impfgegner und Leerdenker, ein “Freedomsday”. Folgende Aussagen stammen nicht etwa von FPÖ-Chef Kickl, sondern vom amtierenden Bundeskanzler Nehammer (ÖVP):

Wir holen uns die Freiheit wieder, die uns das Virus genommen hat”

“Ab dem 5. März wird ein Großteil der Einschränkungen, welche die Menschen so beschweren, wegfallen”

Kickl hätte ”Virus” durch ”Corona-Diktatur” ersetzt und damit die Regierung gemeint, das Ergebnis bleibt aber dasselbe: Österreichs Regierung entscheidet, wann die Pandemie zu Ende ist, nicht die Realität.

Virologin von Laer: „Ich hoffe, dass das Virus sich an den Zeitplan der Regierung hält.“ (ZiB2)

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Tag 704: Individuelle Risiken einer Pandemie

“Es wird nicht so sein, dass es jetzt nochmal durchläuft und dann sind wir wieder, wo wir waren, sondern die Welt ist etwas schlechter geworden, weltweit übrigens, wir sind noch am besten geschützt. Wir haben einen Virus, was ansteckender und gefährlicher als die Grippe ist, und die Idee, dass das jetzt immer harmloser wird, demnächst eine Erkältungskrankheit, das ist eine ganz gefährliche Legende, das mag in dreißig, vierzig Jahren so sein, aber nicht für die nächsten zehn Jahre.“

Gesundheitsminister und Epidemiologe Karl Lauterbach, 13.02.22

“Omicron ist keine Erkältung, und die derzeit kursierende Rhetorik, dieses Narrativ da draußen, ist gefährlich und tödlich. OMICRON und DELTA infizieren Individuen, bringen Menschen ins Krankenhaus, und wenn man hohe Fallzahlen hat, wird man eine Zunahme der Spitalsaufnahmen sehen. Dieses Virus, OMICRON, wird Risikogruppen erreichen. Es erreicht ältere Personengruppen und wir werden zunehmende Todeszahlen sehen. Die Andeutung, dass OMICRON bloß eine milde Infektion wäre, ist wirklich, wirklich gefährlich, und das möchte ich betonen, ohne die Öffentlichkeit in Angst zu versetzen.”

Maria van Kerkhove, WHO, 05.01.22

“Wir sind jetzt in einer Phase der Pandemie angelangt, in der Menschen mit oder ohne Vorerkrankungen, die sich nicht wiederholt mit einem unberechenbaren, neurotropen Virus anstecken wollen, herabgewürdigt und pathologisiert werden.”

@dederreda, 15.02.22

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für die Aufhebung aller Maßnahmen? Warum sollte man noch länger warten? In den letzten Tagen häufen sich Aussagen wie, dass sich vorsichtige Menschen verrannt hätten, dass mit nahe 70% Impfquote SARS-CoV2 zu einem Gesundheitsrisiko wie andere Krankheiten geworden sei, etwa wie die Influenza, und deswegen hätte man auch nicht so einen Bahö gemacht.

Wir sind alle erschöpft, wir wollen alle unser früheres Leben zurück, sofern wir eins gehabt haben. Nur interessiert sich das Virus nicht dafür, was wir wollen. Es kümmert sich weder um symbolische Tage, an denen alle Maßnahmen aufgehoben werden (sollen), noch um christliche Feiertage, an denen landesweit Familientreffen stattfinden. Die Pandemie läuft weiter, ob wir das wollen oder nicht.

Jetzt ist der falsche Zeitpunkt, um alle Vorsicht zu vergessen und zur “Normalität” zurückzukehren – nicht vergessen, die Normalität hat uns weitere Wellen beschert, viel Leid und erst in die Lage gebracht, dass die entwickelten Impfstoffe an Wirksamkeit eingebüßt haben.

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Tag 703: Schlaue Pandemiebekämpfung ohne Lockdowns

Der aktuelle Kurs ist gar nicht schlau. Heute wurde vom Bildungsminister Polaschek bekanntgegeben, dass die Maskenpflicht in allen Schulstufen am Sitzplatz fallen soll. Das wurde mit Verweis auf die GECKO-Kommission begründet – wovon sich allerdings Mitglied Gerry Foitik bereits distanziert hat. Die Britische SAGE (Scientific Advisory Group for Emergencies) stellte vor kurzem vier mögliche Szenarien für die künftigen 12-18 Monate vor:

  • Im besten Szenario behalten die Impfstoffe ihre Wirksamkeit gegen neue Varianten (die nicht besser übertragbar sind oder schwerere Verläufe erzeugen). Antivirale Medikamente bleiben wirksam. Nur kleinere saisonale/regionale Ausbrüche treten auf.
  • Im mitteloptimistischen Szenario treten weiterhin Infektionswellen auf, die durch nachlassende Immunität und/oder neue Varianten angetrieben werden. Es wird gute und schlechte Jahre geben. Manche Varianten verursachen schwerere Verläufe. Die Immunität schützt die meisten Menschen, doch können sich erste Resistenzen gegen antivirale Medikamente zeigen.
  • Im mittelpessimistischen Szenario gibt es wiederholte, einschränkende Wellen durch die unvorhersagbare Entwicklung von Varianten. Immunität und neue Impfstoffe schützen die meisten Menschen, doch entsteht verbreitet eine Resistenz gegen antivirale Medikamente.
  • Im schlimmsten Szenario gibt es andauernd hohe Übertragungsraten unter Menschen, unvollständige globale Durchimpfungsraten, und die Übertragung unter Tieren sorgt wiederholt für neue Varianten, von denen manche schwerere Verläufe oder Immunescape erzeugen können. Es gibt zunehmend Langzeitfolgen der Infektion.

Unabhängig vom Szenario geht die SAGE davon aus, dass es noch beträchtliche Zeit in Anspruch nehmen wird, bis ein stabiler Zustand erreicht wird (2-10 Jahre). Die Übergangsphase werde wahrscheinlich hochdynamisch und unprognostizierbar sein. Epidemiologin Zoë Hyde hält aufgrund unserer bisherigen Erfahrung mit SARS-CoV2 das mittelpessimistische Szenario für am wahrscheinlichsten. Es kann aber auch ein Element des schlimmsten Szenarios – die Langzeitfolgen einer Infektion (LongCOVID/MECFS) – eintreffen. Daher brauchen wir eine Strategie, die auch die Inzidenzen niedrig hält, bis wirksamere Impfstoffe (vor allem über die Nase injizierte Impfstoffe, die für besseren Schleimhautschutz sorgen) entwickelt wurden. Einfache Maßnahmen wie Lüftungskonzepte belasten die Menschen nicht. Die Pandemie ist jedenfalls weit davon entfernt, zu Ende zu gehen.

Ich hab die letzten Monate viel kritisiert (und werde das auch weiterhin), was alles falsch gemacht wurde (und wird), daher möchte ich in diesem Text zumindest auszugsweise darauf eingehen, wie man es besser machen könnte, ohne “alle monatelang einzusperren” (Strohmannargument).

Wer die Gesundheit aufgibt, um Wirtschaft zu schützen, der wird am Ende beides verlieren.“

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