Tag 825: Rezension “Pandemia” von Ex-Gesundheitsminister Anschober

Bei der Ankündigung seines Buchs hatte ich wie viele Kritiker meine Vorbehalte: Was soll das sein, ein fiktives Sachbuch? War es nicht zu früh für eine Pandemierückschau inmitten neuer Varianten? Würde er sich seine Zeit als Gesundheitsminister und die politische Zusammenarbeit in der Koalition schönreden? Sucht er nach seinem Rücktritt nach einer neuen Einkommensquelle?

In meiner Zitatsammlung kommt Anschobers berühmter Sager “Die nächsten Wochen werden entscheidend sein” häufig vor, ebenso wie wiederholte Aussagen zum (fatalen, weil einseitigen) Fokus auf Intensivstationen. Zu meiner Kritik stehe ich, auch nach der Buchlektüre. Manche Aussagen und Handlungen sehe ich jetzt in einem anderen Licht, für manches kann zumindest die Beweggründe nachvollziehen. Andere Hauptkritikpunkte bleiben, sei es, weil ich die Begründung nicht teilen kann, oder weil sie im Buch gar nicht vorkommen.

Ein Kritikpunkt steht aber gleich am Anfang: Inkonsequenz. Wenn er seine Kritik und Haltung im Buch ernst meint, sollte er auf seinen Buchvorstellungen ausnahmslos auf Maskenpflicht bestehen. Warum lobte er wiederholt seinen Nachfolger Mückstein, der die Fehler und falsche Argumentation mit Fokus Intensivstationen fortgesetzt hat? Warum hebt er dessen Nachfolger Rauch in den Himmel, der seit Amtsantritt etliche haarsträubende Entscheidungen getroffen und noch haarsträubender begründet hat? Beide haben nicht aus seinen Fehlern gelernt. Wenn die grünen Bundespolitiker nur das Beste für uns im Sinn hätten, warum verteidigen sie dann ständig die ÖVP-Politik?

Eines muss ich ihm zugute halten. Anschober hat sich seinen schärfsten Kritiker gestellt. Er lud mich im September 2021 zu einem Gespräch ein, es war von gegenseitigem Respekt geprägt. Ich hatte das Gefühl, wir redeten auf Augenhöhe. Ich konnte ihm anhand von Notizen meine Argumente nachvollziehbar darstellen, ich durfte ausreden und er blieb im Tonfall höflich und professionell. Daran können sich so manche Kabinettsmitarbeiter von den Grünen ein Beispiel nehmen.

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Tag 824: Hygiene-Hypothese: Schwerwiegender Irrtum für die Menschheit in der Pandemie

In der Pandemie gibt es mehrere Strömungen, die ganz maßgeblich den Kurs vieler Staaten bestimmen. In Asien, Australien und Neuseeland sowie in einzelnen Staaten auf anderen Kontinenten dominierte lange Zeit die ZeroCOVID-Strategie. Sie ist in der Eliminationsstrategie nach Dowdle (1999) beschrieben. Eradikation (Ausrottung) wurde bei den Pocken lange erfolgreich versucht, bis man die Affenpocken laufen ließ. Die Vorteile einer ZeroCOVID-Strategie lagen auf der Hand: Weniger Infektionen bedeutet weniger Kranke und Tote, aber auch weniger Maßnahmen auf lange Zeit gesehen.

Die westlichen Staaten verfolgten aber eine andere Strategie: Great-Barrington-Declaration – “Vulnerable schützen, für den Rest so wenig Beschränkungen wie möglich.” Gleichbedeutend mit “Herdenimmunität über Durchseuchung”. Seit März 2021 wissen wir, dass Herdenimmunität über Infektion unerreichbar ist. Dennoch wurde an der Durchseuchung festgehalten und die “Torpfosten verschoben”: Die “Immunisierung” sollte jetzt nicht mehr gegen Infektion gelten, sondern nurmehr gegen Hospitalisierung, denn der einzige Benchmark der Durchseuchungsstrategie ist, gerade so zu durchseuchen, dass die Intensivstationen nicht überlastet werden. Mit der weltweiten Durchseuchung kommen so rasch neue Varianten, dass die Impfstoffproduzenten nicht mehr mithalten können. Trotzdem hält man an der Durchseuchung fest.

Die ehemals erfolgreichen ZeroCOVID-Staaten gerieten unter Druck mit den hochansteckenden Varianten. In manchen asiatischen Ländern war der Impffortschritt in der von Mortalität am stärksten betroffenen Altersgruppe nur schleppend, was sich nach Aufgabe der ZeroCOVID-Strategie mit besonders hohen Todeszahlen rächte (z.B. Hong Kong oder Taiwan), andere Länder wie Neuseeland mit hoher Impfquote hatten zwar deutlich niedrigere akute Krankheitslasten, aber unbekannt ist das Ausmaß der LongCOVID-Fälle hier, die auch mit dreifacher Impfung nicht signifikant weniger werden.

In den letzten Monaten zeichnete sich aber immer mehr noch eine dritte Strömung ab, die ganz maßgeblich dazu beizutragen scheint, dass die Regierungen von ihrem “wir müssen mit Corona leben lernen” nicht abrücken, obwohl weiterhin Menschen schwer akut und vor allem schwer langzeiterkranken. Sie basiert auf der Hygiene-Hypothese, wonach der wiederholte Kontakt mit dem Erreger zu einer anhaltenden (Schleimhaut-) Immunität führt.

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Tag 820: Es geht wieder aufwärts – wie vorhergesagt!

In Niederösterreich ist die Zahl der Kläranlagen mit Stufe 3 (rot) von gestern 8.6. auf heute 9.6.2022 von 7 auf 18 gestiegen, Quelle: Abwassermonitoring Österreich

Im ersten Pandemiejahr hab ich die Lockerungen im Sommer 2020 bereits früh kritisiert (Tag 81, 31.05.20) und später nachgelegt (Tag 115, 04.07.20), im zweiten Pandemiejahr war ich erneut pessimistisch aufgrund der beschlossenen weitreichenden Lockerungen und warnte vor der nächsten Welle, was ich mit den ansteckenderen Virusvarianten (ALPHA und DELTA) begründet habe (Tag 418, 08.05.21), spätestens Anfang August (Tag 516, 10.08.21) war klar, dass DELTA die Spielregeln geändert hatte und auch Zweifachgeimpfte wieder Teil des Pandemiegeschehens wurden. Im dritten Pandemiejahr grüßt das Murmeltier. Anfang Mai wies ich das erste Mal auf BA.4/BA.5 hin (Tag 780, 02.05.22) und warnte später vor einer Reinfektionswelle im Sommer (Tag 800, 20.05.22).

Trotzdem reden alle nur vom Herbst. Laut EMS gab es innerhalb der letzten 24 Stunden 4481 neue Fälle. Vor einer Woche waren es 2525. Laut Aussagen eines Grünen-Funktionärs sind die Fallzahlen derzeit “niedrig”, was die aktuelle “Maßnahmenpause” rechfertigen soll. Auf Widerspruch, dass die Zahlen hoch seien, kam der Vergleich zu den deutlich höheren Zahlen im März. Hier handelt es sich um eine klassische PLURV-Methode (Desinformationsrhetorik): “Torpfosten verschieben“, bei der das Ziel einer Argumentation immer weiter verrückt wird. Mit den Impfungen hat man die Inzidenzschwellenwerte, ab der Maßnahmen gesetzt werden, immer weiter nach oben verschoben, gestützt durch zahlreiche Expertenäußerungen “können uns höhere Fallzahlen erlauben, wenn % geimpft sind”. Wir haben früher bei wesentlich niedrigeren Zahlen schon Maßnahmen ergriffen. Jetzt gab es bei den höchsten Zahlen im März schon die Ankündigung weiterer Lockerungen. Das Signal war verheerend: OMICRON wäre so mild, dass man das Virus durchrauschen lassen könne. In dieser Tonart soll es auch weitergehen.

Ergänzung, 19.15 MESZ – weil ich gerade schrieb vom Torpfosten verschieben: Der Modus operandi der Corona-Ampel wurde angepasst, um das Risiko künstlich niedrig zu halten. Als Folge der wenigen Tests mit erhöhter Dunkelziffer werden “asymptomatische Fälle herausgerechnet” und “stattdessen ein Omikron-Abschlag eingeführt, der die geringe Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung gegenüber Vorgängervarianten darstellen soll.” Nur Wien hat dieses Vorgehen abgelehnt. Die Limitierung der Gratistests auf 5 PCR und 5 Antigen monatlich wurde übrigens bis Jahresende verlängert. So erstrahlen alle Bundesländer, die weniger Testen und hohe Dunkelziffer aufweisen, in einer besseren Risikozahl als Wien, das noch am meisten testet.

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Pandemieversagen in Österreich: Die Fehler der Regierungsberater (Teil 5)

Pandemieverlauf seit Beginn, Teil der Maßnahmen (Maskenpflicht, Tests, Lockdown)

Ich danke dem Rechnungshof für seine Kritik am österreichischen Pandemiemanagement. Es ist meines Wissens die erste offizielle Kritik an der Bewältigung der Pandemie in Österreich. Da ging es vor allem um politische Unstimmigkeiten wie die Abstimmung zwischen Bund und Ländern, zwischen den Krisenstäben, Personalmangel im Ministerium, dem verspäteten Einsetzen des Obersten Sanititätsrats. Verbessert habe sich bis heute nichts.

Dieses Kapitel ist wohl das Schwierigste, weil am wenigstens Transparenz darüber herrscht, wer von den Expertinnen und Experten die Landeshauptleute, die Minister und den Kanzler beraten haben. Selbst mit den bekannten Namen in den Gremien bleibt unklar, wer die Meinungsführer waren und welcher Konsens letztendlich in den Protokollen gelandet ist. Eines ist aber sicher: Unabhängig ist in Österreich kein Wissenschaftler. Die meisten bekleiden mehrere Funktionen in Österreich und sind abhängig von den Geldgebern. Das erklärt eine gewisse Zurückhaltung mit klaren Worten und offener Kritik am Pandemiemanagement, in den Ländern und im Bund. Zudem dulden manche Politiker keinen offenen Widerspruch. So wurde Infektiologe und ärztlicher Leiter im Salzburger Krisenstab, Richard Greil, in der vierten Welle nicht mehr von Landeshauptmann Haslauer (ÖVP) zu Rate gezogen. Im STANDARD wurden zwischenmenschliche Probleme spekuliert, tatsächlich forderte Greil eben immer unpopuläre Maßnahmen und konnte diese fachlich hervorragend begründen. Umgekehrt hat Tirols Landeshauptmann Platter (ÖVP) fallweise Infektiologe Günter Weiss um Rat gebeten, der seit Ende der Arlberger Quarantäne als Verharmloser auffällt.

“Never in the history of public health has anyone suggested infecting the entire population with a pathogen with which we have no long term experience as a strategy for managing a pandemic.” (Epidemiologe und Arzt Robert Morris)

Nur wenige WissenschaftlerInnen und Wissenschaftler reden öffentlich Klartext in Österreich, sie sitzen meist nicht in Krisenstäben. Zu den stabilsten Personen, die seit zwei Jahren ihrer Linie treu geblieben sind und sich immer an den wissenschaftlichen Mehrheitskonsens hielten, zählen Mikrobiologe Michael Wagner, der pensionierte Epidemiologe Robert Zangerle, der pensionierte Statistiker Erich Neuwirth und Virologin Judith Aberle. Der internationale Konsens war seit Beginn an klar: Ein neuartiges Virus lässt man nicht durchlaufen, sondern versucht es einzudämmen. So neu war SARS-CoV2 wegen SARS-CoV1 und der Coronavirenfamilie dann doch nicht, in China erschienen zudem früh in der Pandemie erste Studien, die auf die Gefährlichkeit der Covid19-Erkrankung hinwiesen. Auch mit der Ankunft der Impfung, aber Mutation des Virus mit zahlreichen Varianten hat sich nichts daran geändert, dass man weiterhin Infektionen vermeiden sollte, da die in den Muskel gegebene Impfung Ansteckungen nur kurzzeitig verhindert und das LongCOVID-Risiko nicht auf tolerable Wahrscheinlichkeiten senkt. Weiters kann das Virus für immungeschwächte Personen, bei denen die Impfung nicht gut wirkt, weiterhin gut gefährlich sein. Nachdem die erste Impfstoffgeneration keine Herdenimmunität erzeugt, müssen die nichtpharmazeutischen Eingriffe (NPIs) aufrechterhalten werden, bis bivalente Impfstoffe oder nasal gegebene Impfstoffe effektiver vor Ansteckung und LongCOVID schützen.

Dieses Kapitel könnte ein Ulysses werden, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Als Einstiegslektüre empfehle ich meine weiterhin aktuell gehaltene Zitatsammlung (über 180 Seiten inzwischen). In der vielfach geächteten Schriftart Comic Sans habe ich Falschaussagen und Fehleinschätzungen explizit gekennzeichnet, um sie von wissenschaftlich gedeckten Aussagen in Calibri zu unterscheiden.

Eine erste Analyse lieferte ich im April 2021 in diesem umfangreichen Beitrag.

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Tag 813: Doch kein Sommer zum “Durchatmen”?

Die türkisgrüne Bundesregierung hat inzwischen alle Käsescheiben zwischen Virus und Wirt entfernt.

Ich werde hier die einzelnen Zeitungen und Nachrichtenmeldungen nicht explizit zitieren, die diese ausgesprochen zynische Wortwahl verwendet haben, während viele Schwerkranke am Lungenversagen qualvoll und zum Teil ohne Beisein ihrer Angehörigen erstickt sind, und zehntausende LongCOVID-Patienten alleine in Österreich mit anhaltender Atemnot, Kurzatmigkeit und rascher Erschöpfung nach körperlicher Belastung kämpfen.

Mittlerweile zeigt das noch verbliebene Abwassermonitoring wieder leicht steigende Tendenz, auch in den Heatmaps, die Citizen Science Journalisten für uns anfertigen, ist das zu sehen. Der Grund dafür ist die sich aufbauende BA.4/BA.5-Welle, die derzeit bereits Portugal überrollt.

In der Titelgrafik habe ich beschrieben, welche Maßnahmen abgeschafft oder deutlich eingeschränkt wurden. Dazu kommen jetzt aber diverse Brandbeschleuniger: Die Präsenzkonferenzen sind zurück! Alleine in Wien finden dieses Jahr über 40 Kongresse statt. Selbst wenn es bei den Kongressen strenge Maßnahmen gibt (z.B. der EGU 2022 FFP2-Maskenpflicht), ergeben sich die meisten Infektionen wohl beim Kultur- und Sozialleben am Abend, wo es wieder keinerlei Regeln mehr gibt. Neben internationalen Konferenzen gibt es auch wieder Großveranstaltungen in Österreich:

  • Regenbogenparade in Wien am 11. Juni 2022
  • Nova Rock am 9.-12. Juni 2022
  • Donauinselfest am 24-26. Juni 2022
  • Frequency in St. Pölten 17-20. August 2022
  • Oktoberfest in München 17. September bis 3. Oktober 2022 (trotz eklatantem Personalmangel)

Öffentliche Anreise nach jetzigem Stand außerhalb von Wien ohne Maskenpflicht, innerhalb von Wien mit steigender Anzahl an Maskenverweigerern.

Dazu wird der Reiseverkehr wieder auf einem Niveau wie vor der Pandemie erwartet. Am Flughafen Wien befinden sich die Flugbewegungen derzeit wieder auf 85% des Vorkrisenniveaus. Auch am Flughafen Wien gibt es keine Maskenpflicht mehr, die Airlines handhaben das unterschiedlich. In den USA müssen Fluglinien bereits Flüge streichen – Hauptgrund ist fehlendes Personal, Ursache dafür ist, auch wenn es keiner zugeben will, die gefallene Maskenpflicht auf den Flügen. Es sind einfach viele Mitarbeiter krank.

Das sind so ungefähr die Voraussetzungen, mit denen wir in den Sommer starten. Für mich wird es der dritte Sommer in Folge, bei der ich meine Kurz-Urlaube mit sehr, sehr viel Misstrauen und Umsicht planen muss. Schlechtwetter ist ein No-Go, weil man drinnen essen muss. Ferienwohnungen sind für mich kein Urlaub, sorry, nicht nach zwei Jahren Selbstverpflegung. Hüttenübernachtungen… eher schwierig. Es is ois a Schas. Ich bin wütend und frustriert und enttäuscht von egoistischen Mitmenschen.

Zurück zur sachlichen Beurteilung der Pandemielage:

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Tag 811: Nachbetrachtung rund um die Benefizkonzerte

Grafik für die Inzidenzen nach den beiden Benefizkonzerten am 19.3.22 im Ernst-Happel-Stadion (ca. 40 000 Besucher) und am 27.03.22 am Heldenplatz (ca. 100 000 Besucher), Quelle: Statistiker Erich Neuwirth

Ein Versuch, die damals sehr emotionale und aufgeheizte Debatte um die Maskenpflicht beim Benefizkonzert in versöhnliche Bahnen zu lenken. Ob mir das gelungen ist, sollt ihr selbst entscheiden. Aber mir hat das die letzten Monate keine Ruhe gelassen.

Unser gemeinsamer Endgegner ist die amtierende Regierung, die aktuell weder den Kriegsflüchtlingen vor Ort die ihnen zustehende Hilfe zur Verfügung stellt (siehe Beiträge von Tanja Maier auf Twitter und in ihrem Blog) noch der Bevölkerung gegenüber Verantwortung zeigt im Kampf gegen die Pandemie. Der endemische Zustand ist (noch) nicht erreicht. Das Virus mutiert schneller als die Impfstoffe angepasst werden können. Zu Beginn der Pandemie haben sich die Gesunden aus Solidarität mit den Schwächeren eingeschränkt, jetzt sollen sich die Schwächeren aus Solidarität mit den Gesunden einschränken. Eine perfide Umdeutung von Public Health.

Ich muss sagen, mich hat der Überfall der Ukraine kalt erwischt. Die frühe Atomwaffendrohung. Ich stamme aus der Generation nach dem Kalten Krieg, das war neu und sehr beängstigend. Ich konnte die ersten Wochen damit gar nicht umgehen. Über zwei Jahre hatte ich mich der Pandemie gewidmet, mich eingelesen, mich empört über das politische, mediale, wissenschaftliche und gesellschaftliche Versagen. Für einen zusätzlichen Krieg und den drohen Folgen hatte ich keine Energie mehr übrig. Nach dem ersten Schock war ich sehr betroffen über das Schicksal der Ukrainer und dem unverhohlenen Genozid, der bis heute andauert. Gleichzeitig war mir bewusst, was das bedeuten würde – Krieg und Vertreibung mitten in einer Pandemie. Klar, wenn Bomben fallen, wird Maske tragen und impfen gehen zweitrangig. Dem Virus ist das leider egal, wo wir Prioritäten setzen. Das ist das Perfide daran.

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Tag 809: Im Blindflug in die Sommerwelle

Stochern im Nebel

Déjà vue zum Vorjahr, als wir nicht wussten, wie sich die Lockerungen in welchen Bereichen auswirken würden. Damals war ALPHA gerade am Abklingen, während sich im Untergrund die DELTA-Welle aufbaute. Jetzt haben wir die abklingende BA.2-Welle, während sich BA.4/BA.5 im Untergrund aufbaut.

Molekularbiologe Elling schrieb heute auf Twitter:

Die Daten für BA.4/5 werden immer klarer. Es läuft bei uns wahrscheinlich auf eine Welle im Juli raus. Soviel zu 3 Monaten Maskenpause…

Am Nachmittag dann der nächste Hammer, dieses Mal die freundliche Auskunft vom Pressesprecher des Gesundheitsstadtrats der Stadt Wien, Mario Dujakovic.

Der Bund hat die Finanzierung des Virusvarianten-Monitorings eingestellt, daher kennt die Stadt Wien wie auch die anderen Bundesländer die Anteil der Varianten am Infektionsgeschehen nicht. In Planung ist auch eine Reduktion der Abwasseranalysen durch die Reduktion der zu untersuchenden Kläranlagen. Der Bund sagt zwar, dass sie ein Monitoring Sentinel System haben. Das schafft derzeit aber kein repräsentatives Sample für die meisten Regionen und nur mit drei Wochen Verzögerung. Es würde zudem erst ab einer Verbreitung von 4% anschlagen, zu spät. Das wäre seit Wochen schon ein großes Thema bei der Corona-Kommission.

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Tag 805: Fall der Maske – auch bei den Grünen

Es rankt ein Mythos um die Grünen seit Beginn der Pandemie. Sie sind der kleinere Koalitionspartner neben der ÖVP und würden das Richtige wollen, aber könnten sich gegen sie nicht durchsetzen. Die Anhänger sind davon sehr überzeugt und halten den Grünen in der ungleichen Koalition die Stange. Das mag beim Thema Korruption und Klimaschutz stimmen, weniger aber in der Pandemie. Sie verteidigen die Kompromisse in der Pandemiepolitik als Erfolge – dabei gehen die Kompromisse seit Ende des ersten Lockdowns zulasten von Menschenleben, der Toten und der Überlebenden mit Spätfolgen.

Am 24. Mai 2022 entschied die Bundesregierung:

  • die Maskenpflicht ab 1. Juni bis mindestens 1. September in öffentlichen Verkehrsmitteln und im gesamten Handel (einschließlich Supermärkte) abzuschaffen
  • die verpflichtenden PCR-Tests in Schulen abzuschaffen (bei Verdachtsfällen nur noch Antigentest)
  • die telefonische Krankmeldung abzuschaffen
  • die Impfpflicht weiter ausgesetzt zu lassen.

FFP2-Maskenpflicht bleibt nur noch in Spitälern, Alten- und Pflegeheimen sowie beim Arzt, in Wien bleibt sie auch in öffentlichen Verkehrsmitteln bestehen.

Am 24. Mai 2022 gab es 2239 neue Fälle, eine 7-Tags-Inzidenz von 218 und weitere 9 Tote, von den Neuinfektionen werden etwa 250 Fälle an LongCOVID erkranken. Die Positivrate inklusive Antigentests beträgt in den meisten Bundesländern über 5%, Spitzenreiter ist Salzburg mit 12%. Aufgrund der stark gesunkenen Testanzahl ist die Dunkelziffer weiterhin hoch, in Wien mit 1% am niedrigsten. Am höchsten ist die Inzidenz bei Kindern (5-14jährigen) – dort liegt die Impfquote weiterhin unter 25%, das heißt, es sind auch Reinfektionen mit dabei, die übrigens nicht zwingend milder verlaufen. Im Hintergrund baut sich eine BA.4/BA.5-Welle auf, die bei 3fach Geimpften nochmal rund ein Drittel schwächer neutralisiert wird als bei BA.1/BA.2, sich also vor allem über Immun Escape fortpflanzt (Tuekprakhon et al. 05/22 und Qu et al. 05/22). Nebenbei gibt es Affenpocken (Zangerle 24.05.22) und auch in KW 20 immer noch weit verbreitete Influenzaaktivität in den Nachbarländern.

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Tag 803: Kritik am STANDARD-Kommentar von Bathke et al. (23.05.22)

OMICRON reiht sich bei der Sterblichkeit zwischen ALPHA und DELTA ein. OMICRON ist NICHT mild! Quelle: @zeitferne (Twitter)

Der Text steht symbolhaft für viele grundsätzliche Versäumnisse der Politik, aber auch die missverstandene Rolle der Wissenschaft. Die Diskursverschiebung hat nämlich schon stattgefunden. Sie ging weg vom ersten strengen Lockdown, der uns auf nahe ZEROCOVID brachte (wenn auch nicht so nah wie lange geglaubt angesichts der dramatischen Nachmeldungen an Covid19-Toten aus der Zeit nach dem ersten Lockdown) zum Entschluss der Regierung das Virus einfach “durchrauschen” zu lassen, und am Höhepunkt der BA.2-Welle von der “Vorbereitung auf den Herbst” zu reden. Über die BA.1/BA.2-Welle redet niemand mehr. Es schmerzt mich, hier Autoren kritisieren zu müssen, die ich an sich als fähig einschätze. Es ist wohl, wie von Bergthaler einmal in der PRESSE geschrieben, eine Kommunikationskrise.

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Tag 800: Reinfektionswelle mit BA.4/5 im Sommer?

Positiverate seit 20. Februar 2022, Achtung: umfasst sowohl PCR- als auch Antigentests, Quelle: ORF.at

Man verliert derzeit schon einmal die Übersicht, welche Krise gerade akut ist. Wir hinken bei jeder Krise hinterher. Russland spielt gerade die Sanktionen wegen dem Angriffskrieg auf die Ukraine gegen die globale Hungersnot aus, die droht, wenn Russland weiter die Getreideausfuhren blockiert. Auf der Nordhalbkugel vollziehen sich gerade beispiellose Hitzewellen, in Südfrankreich sind die Höchstwerte den 39. Tag in Folge weit über dem Durchschnitt, in Südtirol gab es die erste Tropennacht im Mai, auf Rügen einen neuen Mairekord. Die Erhitzung des Planeten fördert die Optimierung der Tier-Mensch-Übertragung wie bei SARS-CoV2 (Carlson et al., 2022), am 11. Mai wurde in Nordrhein-Westfalen , Deutschland, ein Fall der Schweinegrippe (Influenza A(H1N1)) registriert. Bei Affenpocken gibt es bisher (Stand 20.05.22, 13.20 MESZ) 111 bestätigte Fälle weltweit. Wie schon beim sehr wahrscheinlichen Covidbezug bei den Kinderhepatitisfällen wird das Ausmaß der Affenpocken verschwiegen. Mir fällt kein anderer Begriff als Zensur ein, was die schwedische Gesundheitsbehörde sowie das deutsche Robert-Koch-Institut hier aufführen. Ursprünglich wollte ich nur ein Update zu BA.4/BA.5 fassen, das noch in diesem Monat in Teilen von Europa dominant wird.

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