In Davos ist die Pandemie noch nicht vorbei

Beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos gibt es höchste Sicherheitsstandards, um eine Ansteckung und Verbreitung von SARS-CoV2 zu vermeiden (Quelle)
  • verpflichtende PCR-Tests vor dem Eintritt
  • Wer keinen Test macht oder später positiv testet, dessen Chip im Armband wird deaktiviert
  • zusätzlich verfügbare Schnelltests
  • FFP2-Masken werden zur Verfügung gestellt
  • alle Taxifahrer tragen immer Masken
  • Innenräume werden mehrmals am Tag gereinigt, desinfiziert und ventiliert
  • Moderne Lüftungsgeräte sind dort installiert, wo die Frischluftzufuhr begrenzt ist (HEPA-Luftfilter)
  • UVGI/Far-UVC-Luftdesinfektionsgeräte

Under the principle of the human right to health, everyone has the right to breathe healthy indoor air.” (WHO, 2000)

Die jetzt in Davos umgesetzten strengen Schutzmaßnahmen umfassen all das, was ich auf meinem Blog, das IGÖ und viele weitere engagierte Zivilpersonen seit Jahren (!) fordern, um das Infektionsrisiko in Kindergärten, Schulen, am Arbeitsplatz und in Alten- und Pflegeheimen einzudämmen. Die Kombination aus aufwärts gerichteter Ventilation und Schutzmaske verringert das Infektionsrisiko um fast 100% (Nie et al., 2022). In einem optimal gefilterten, gereinigten, ventilierten Raum kann man sich mit genügend Abstand sogar erlauben, die Maske abzusetzen. Selbst gebaute Luftfilter können 73% der infektiösen Aerosole herausfiltern (Derk et al. 2023), das in Davos eingesetzte Far-UVC kann innerhalb von Minuten 98% der Pathogene in der Luft reduzieren, das entspricht 184 Mal Luftaustausch pro Stunde eines HEPA-Filters (Eadie et al. 2022), mehrere Studien zeigen, dass UVGI effektiv hilft, die Luft zu desinfizieren (Public Health Agency of Canada, 18.03.22). In Italien zeigten Ricolfi et al. (2022), dass mechanische Belüftungssysteme das Infektionsrisiko im Klassenzimmer um 82% verringern konnten.

Nicht nur in Davos wird auf die Gesundheit der Teilnehmer geachtet. Die Houses of Parliament in London benutzen Luftreiniger. Die Sternsinger brauchten an Dreikönig einen negativen PCR-Test, um beim Bundespräsidenten zu singen. Im Bundeskanzleramt und im Gesundheitsministerum stehen in den Besprechungsräumen Luftfilter.

Warum so viel Aufwand, wenn die Pandemie doch vorbei ist? Dieselben Akteure, die beim Weltwirtschaftsforum im Wintermantel in den Besprechungsräumen sitzen, weil die Frischluftzufuhr offenbar zusätzlich zu den Luftfiltern für verstärktes Kälteempfinden sorgt, haben die letzten Monate darauf gedrängt, sämtliche Schutzmaßnahmen aufzuheben und die Pandemie zu beenden.

Die einzige etablierte Zeitung, die bisher darüber berichtet, ist das amerikanische Wirtschaftsmagazin FORBES:

Bruce Y. Lee: World Economic Forum: Here Are All The Covid-19 Precautions At Davos 2023 (20.01.23)

Zwei gute Blogtexte dazu:

Lars Wienand für T-online: Für die Mächtigen in Davos ist Corona nicht vorbei (20.01.23)

Das Münchner Labor Becker meldet in der zweiten Kalenderwoche, dass SARS-CoV2 bei den eingesendeten Proben einen Anteil von 72,7% hatte, RSV lag bei 9,2%, Influenza A bei 16,3% und Influenza B bei 1,7%. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein maskenloser, hustender Fahrgast im Bus oder Zug Corona hat, ist also um ein Vielfaches höher als ein anderes Virus.

Während wie im Vorjahr nach DELTA die Infektionszahlen in Österreich sinken, steigt der Anteil von XBB.1.5 im Hintergrund (8% am 16.01.23) an. Wer die Dynamik der Infektionswellen die letzten Jahre aufmerksam verfolgt hat, wird feststellen, dass die Infektionszahlen meistens sinken, wenn eine bisher dominante Variante von einer deutlich ansteckenderen Variannte verdrängt wird. Und auch nach dem x.-ten Wellental verfestigt sich in der Politik und Bevölkerung der Eindruck, dass es vorbei sein würde.

Der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner, der damals die ersten Coronapatienten zu Gesicht bekam, kann die derzeitige Lockerungsorgie nicht nachvollziehen.

„In einer Saison, in der Viruserkrankungen ihren Höhepunkt haben, ist es sehr fragwürdig, Dinge zu schnell zu lockern“. Aus seiner Sicht werden „irrationale und vorschnelle Entscheidungen“ getroffen. „Meine ernüchternde Erfahrung ist, dass Eigenverantwortung nur bedingt funktioniert. Und meistens auf Kosten der Schwächsten geht.“

Im ORF-Report vom 17.1.23 brachte Gesundheitsminister Rauch die seit etlichen Monaten gleiche Leier….

“Wir gehen dazu über, mit dieser Krankheit anders umzugehen. Warum? Weil wir Instrumente zur Verfügung haben, die es zu Beginn der Pandemie nicht gegeben hat – die Impfung, Medikamente, gutes Beobachtungssystem und ähnliches mehr und es wird und das ist die Garantie, die Impfung weitergeben, die wird angeboten werden über die Arztpraxen.”

  • Das Beobachtungssystem wird ab April weiter reduziert – dann ist es nicht mehr möglich festzustellen, wie sich neue Varianten beim Patienten auswirken. In “Aktuell nach fünf” titelte der ORF am 18.1.23 aber schon hellseherisch, dass es sich bei XBB.1.5 um eine “harmlose neue Variante” handeln würde. Händewaschen würde helfen. Erste anekdotische Berichte von praktischen Medizinern zeigen, dass XBB.1.5 auch junge Menschen deutlich krank macht. Kein Spaziergang zu erwarten bei einer Ansteckung.
  • Die Impfung verhindert Ansteckungen nicht. Sie reduziert das LongCOVID-Risiko erheblich, aber nicht auf Null. Impfstoffe sind natürlich nur effektiv, wenn sie verimpft werden – 78% der Kinder ist weiterhin ungeimpft, erst 6% haben die dritte Impfung erhalten. Die Boosterimpfungen werden insgesamt eher schlecht angenommen, was ganz klar wenig verwundert, wenn monatelang das Narrativ vom “milden OMICRON” und “Pandemie vorbei” gefestigt wird, mit der “dauerhaften Hybrid-Immunität durch Impfung und Infektion”.
  • Reinfektionen: So dauerhaft ist sie leider nicht, wenn sich anekdotisch einzelne Menschen drei Wochen nach der BA.5-Infektion mit BQ.1.1. anstecken. Viele Kinder wurden schon mehrfach infiziert, aber auch bei Erwachsenen häufen sich seit OMICRON die Reinfektionen. Ende letzten Jahres betrug die Reinfektionsrate in Österreich rund 30%, in UK über 40%. Nach der ersten umstrittenen Veteranenstudie von Al-Aly et al. (2022) sind inzwischen weitere Studien erschienen (Bowe et al. 2022, Marra et al. 2023, Hadley et al. 2023), die alle darauf hindeuten, dass wiederholte Infektionen das LongCOVID-Risiko erhöhen.
  • Medikamente: Paxlovid wird immer noch zu wenig abgegeben. Wenn der Hausarzt nicht offen hat, es ist Wochenende oder Feiertage, dann kommt die Diagnose und Verschreibung u.U. zu spät. Medikamente wirken dann am besten, wenn sie früh gegeben werden, bestenfalls, bevor die ersten Symptome auftreten! Viele Ärzte zögern wegen den Wechselwirkungen. Derzeit herrscht überdies Medikamentenmangel, über 600 Medikamente sind nicht oder nur eingeschränkt verfügbar, d.h., auch die Symptomatik behandeln wird schwierig, wenn Fiebersaft und Zäpfchen für Kinder fehlen oder infolge der Virusinfektion erzeugte bakterielle Superinfektionen nicht mit Antibiotika behandelt werden können.
  • Spezielle Medikamente wie monoklonale Antikörper für Immungeschwächte wirken gegen die neuen Varianten kaum oder gar nicht mehr (Wang et al. 2022, Qu et al. 2023). Die Wirksamkeit einzelner Antikörper variiert je nach Variante. Wie will man ohne Variantenmonitoring feststellen, welche Antikörper man anfordern soll, um immungeschwächte Patienten möglichst effizient behandeln zu können?

Masken hat der Minister aus gutem Grund gar nicht vorgeschlagen, sondern mit Verweis auf Alten- und Pflegeheime sogar noch als unnötig befunden. Das Pflegepersonal würde “danach lechzen, wieder normale Arbeitsbedingungen zu haben”. Demenzkranke wären permanent mit maskiertem Pflegepersonal konfrontiert, das würde etwas mit den Leuten machen.

In Zeiten einer Pandemie gehört zu normalen Arbeitsbedingungen nun einmal angemessener Infektionsschutz. Eine Impfpflicht wollte er ja nicht einmal für Pflegekräfte einführen. Wenn man nicht möchte, dass das Pflegepersonal ständig Maske trägt, sollte man dafür Sorgen, die Inzidenzen niedrig zu halten, regelmäßig PCR-Tests zu ermöglichen und saubere Luft in den Innenräumen, wo die alten Leute gemeinschaftlich leben.

LongCOVID spielte im Beitrag keine Rolle.

Was folgern wir aus Davos und den intensiven Bemühungen der Politik mit bereitwilliger Schützenhilfe durch die Medien die Gefahr von XBB.1.5 und weiterer Varianten kleinzureden? Für sie gelten andere Gesetze. Sie fürchten sich sehr wohl vor einer Infektion und LongCOVID, belügen aber die ihre Wähler die Bevölkerung, das Virus würde harmlos sein und man solle zur Normalität zurückkehren. Das ist einer demokratisch gewählten Führung unwürdig, betrifft aber leider auch die Opposition, die Sozialpartner und die Gewerkschaften, die mit – wenigen Ausnahmen meist auf lokaler Ebene – genauso schweigen.

Politiker, “Experten” und Mediziner, die gerade vehement auf eine Rückkehr zur Normalität drängen, halten sich selbst entweder für unverwundbar, und/oder haben wesentlich leichteren Zugang zu Medikamenten wie Paxlovid oder monoklonale Antikörper als das gemeine Fußvolk. Sie werden auch im (Privat-) Spital bevorzugt behandelt, haben die ärztliche Betreuung mitunter im Haus. Das ist eine waschechte Zweiklassengesellschaft, sicher schon lange vor der Pandemie, aber in einer Pandemie mit einem kaputten Gesundheitssystem kann es eben schon den Unterschied machen, ob man als Notfall rechtzeitig behandelt wird oder nicht, und wie gut die Nachversorgung abläuft.

Diesen Zustand kann man jetzt hinnehmen oder dagegen protestieren, darauf aufmerksam machen, nicht nachlassen. Ich bin eher für Zweiteres. Denn weitere Verschlechterungen sind absehbar.

Apropos … der viel zitierte Regelbetrieb in anderen europäischen Ländern sieht meistens so aus:

Faktencheck des britischen Gesundheitssystems (18.01.23)

++++ EIL +++++ Regierung hebt Rauchverbot auf +++++ EIL +++++

Die durch Zigarettenrauch verursachten schweren Krankheitsverläufe reichen nicht aus, um die Intensivstationen zu überlasten. Zu diesem Schluss kommt eine Modellierung von Popper und Klimek. Die Regierung setzt künftig auf Eigenverantwortung. Gesundheitsminister Rauch reagierte im APA-Interview auf Kritik an der Entscheidung:

“Ich habe mit Vertretern der Tabakfirmen gesprochen, und deren Experten haben mir zugesichert, dass der regelmäßige Nikotinkonsum gesundheitlich unbedenklich ist, da nur milde Tabaksorten verwendet werden.”

Die FPÖ begrüßte die Entscheidung, wer Angst vor Zigarettenrauch habe, könne ja eine Maske tragen.

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