Tag 247: Lockdown ohne Perspektive?

Ich nutzte den Einkaufssamstag für eine Wanderung im Wienerwald

Die zweite Welle ist gewaltiger und dynamischer als die erste Welle im Frühling.“ Die Lage im Land sei dramatisch, die Zahl der Neuinfektionen steige seit zirka 23. Oktober „fast explosionsartig“. Darum müsse man nun die Notbremse ziehen. „Wenn wir jetzt nicht handeln, werde es zu Situationen der Triage in den Spitälern kommen“, so Anschober.

zib2, 14. November 2020

Ich muss mich wirklich beherrschen, ruhig zu bleiben, wenn ich so etwas lese. Es gibt bereits jetzt die Situation der Triage in vielen Spitälern. Unfallopfer, die einfach Pech gehabt haben. Covid-Kranke mit geringeren Überlebensschancen, die einfach Pech gehabt haben. Onkologiestationen wurden in Covid19-Stationen umgewandelt, Chemotherapien mussten verschoben werden. Auch das wird Leben kosten. Das Krankenhaus in Hall musste die Psychotherapiestation schließen. Auch das wird Leben kosten. Über die psychologischen Folgen der Krise, wachsender Armut, Verlust von Angehörigen an Covid und die Perspektivlosigkeit wird nicht gesprochen (Link zur Telefonseelsorge Österreich).

Lockdown is always indicative of failure to manage the pandemic In Israel, managing the pandemic based on the capacity of the healthcare system was the one major mistake from which all else followed. Define a capacity and you will reach it, at record levels and high death toll

Eran Segal, Genetiker am Weizmann Institut, Israel, 20. Oktober 2020

Selbst der harte Lockdown als Notbremse, der obskurerweise bis Dienstag Zeit hat, reicht nicht aus. Man muss weder ein brillanter Statistiker sein wie Erich Neuwirth, der uns seit Monaten täglich die Daten aufbereitet, noch Epidemiologie studiert haben, um zu erkennen, dass es eine zeitliche Verschiebung zwischen Neuinfektionen und Hospitalisierung gibt.

Quelle: Victor Tseng: Pulmonary & Critical Care, Physician-Scientist, „Mitochondriac“, Translational cardiopulmonary and vascular biology.

Diese Grafik habe ich am 06. April verbloggt, als die erste Welle noch im Abklingen war. Die zweite Welle verläuft analog zur ersten Welle, das ist keine große Überraschung. Mit Verzögerung schlagen die Neuinfektionen im Spital auf. Geplante Operationen müssen verschoben werden, ebenso notwendige Therapien. Aktuell fallen auch wieder Massagen und Physiotherapien aus. Die vierte Welle fällt verschärft aus, weil durch den zweiten Lockdown die wirtschaftlichen Schäden wesentlich höher ausfallen als durch den ersten Lockdown. Viele Unternehmen haben ihre Reserven aufgebraucht. Bereits im ersten Lockdown hätte man so reagieren müssen wie jetzt, mit 60-80% Entschädigung für Umsatzverluste. Die Regierung nennt kein plausibles, rationales Ziel des zweiten Lockdowns, außer die Rettung des Weihnachtsgeschäfts. Es ist unfassbar und mir fehlen die Worte für soviel KURZsichtigkeit. Immerhin hat Kurz zugegeben, dass Schulen sehr wohl am Infektionsgeschehen teilnehmen und schließt beinhart entgegen den Empfehlungen der Ampelkommission und der Berater des Gesundheitsministers.

Verleugnung der Kinder im Infektionsgeschehen bis zum Schluss

Ich hab in den letzten Blogeinträgen genug über die wichtige Rolle der Kinder geschrieben und im Menüpunkt Übertragung einen Unterpunkt zu Schulen gemacht.. Statt die Schulen endlich so sicher zu machen, dass Kinder tatsächlich eine geringere Rolle spielen, bleibt die Opposition am falschen Dampfer und streitet die Rolle der Kinder ab. Die Kritik wird zunehmend persönlich. Mathematiker und Physiker werden als fachfremd abgewertet, dabei zählt nicht der Hintergrund, sondern alleine die Quelle ihrer Argumentation – etwas, das man in Österreich immer nich nicht begreift. Jetzt werden kinderlose Befürworter von Schulschließungen abgewertet, weil sie das angeblich gar nicht beurteilen können. Diese waren ja nie Kinder und kennen auch keine Familien oder Lehrer.

Selbst am 12. November 2020 hat der sichtlich von der Spitalsüberlastung überraschte und betroffene Infektiologe und Direktor der Uniklinik für Inneren Medizin, Günter Weiss, die Chuzpe zu behaupten, sich dezidiert gegen Schulschließungen auszusprechen, „weil sich gezeigt hat, dass die Schulen eigentlich nichts zum Infektionsgeschehen beitragen.“

Virologe Nowotny, laut Aussagen von Kollegen einer der besten MERS-Experten weltweit, behauptete am 13. November, dass laut Fachpublikationen (welche?) und der Meinung der meisten seiner Kollegen (welche?) „Kinder nämlich keine große Rolle im Infektionsgeschehen spielen.“ und begründet das mit der geringeren Anzahl an ACE2-Rezeptoren und dass sie daher weniger Viren weitergeben würden. Nowotny, der im Mai noch davon ausging, dass die zweite Welle viel milder ausfallen würde als die erste, hat offensichtlich nicht den weltweiten besten Corona-Experten, Dr. Christian Drosten, gemeint, der in vielen Podcasts darauf hinwies, dass man bei Kindern die gleiche Viruslast wie bei Erwachsenen gefunden hat und durch zahlreiche Beobachtungen aus zahlreichen Ländern bestätigt wurde, dass (symptomfreie) Kinder, wenn sie einmal angesteckt wurden, gleich ansteckend wie Erwachsene sind.

Epidemiologin Rendi-Wagner und Molekularbiologin Hammerschmid beziehen sich in einer Presseaussendung vom 12. November auf die AGES-Daten, die zeigen würden, dass die Schulen und unter 14-jährige keine Infektionstreiber wären. Seit dem Schulstart wäre der Anteil der Infektionen bei Kindern unter 14 Jahren am Gesamtinfektionsgeschehen sogar gesunken. Auch NEOS-Chefin Meinl-Reisinger bezieht sich immer wieder auf die AGES-Daten. Kunststück, wenn Kinder unter 10 Jahren weniger getestet werden, weil sie angeblich keine Rolle im Infektionsgeschehen spielen. Die selbst erfüllende Prophezeiiung. Das ist Datenmanipulation und vorsätzliche Irreführung der Bevölkerung. Der Vorsatz besteht darin, dass es in Wahrheit nicht um die Bildungsschancen der Kinder geht, sondern um Betreuungspflichten (SPÖ) und weiterhin verfügbare Mitarbeiter (NEOS).

Grüne haben versagt

Ich begreife Parteien trotz ihrer Chefitäten immer noch als Team und gerade die Grünen kannte ich als basisdemokratische Partei. Wie ist es zu erklären, dass Anschober über Monate hinweg einen gesundheitspolitischen Amoklauf hinlegt mit Scheinexperten als Beratern? Warum hat ihn keiner auf ausländische Studien und Erfahrungen hingewiesen? Ich bin es leid zu hören, dass Uruagay die Zahlen fälscht, China eine Diktatur ist, Südkorea die Eindämmung nur mit Totalüberwachung gelungen wäre, Neuseeland ein Inselstaat, Ruanda…. da müsse man gar nichts mehr sagen. Selbst jetzt höre ich diese Vorurteile, diese Borniertheit, sobald mit Ländern kommt, die es geschafft haben, die Fallzahlen niedrig zu halten. Es reicht die bloße Erwähnung eines erfolgreichen Staats, und es wird bereits abgeblockt, sich nur mit den jeweiligen Maßnahmen auseinanderzusetzen. Stattdessen wird das nachgebetet, was die Regierungspolitiker als Ausrede vorbringen: Dynamische Entwicklung, alle Länder in Europa betroffen, das hätte keiner kommen sehen.

Österreich war am 14. November 2020 weltweit an der Spitze, was die Neuinfektionen betrifft.

Asien, Australien und Neuseeland fahren eine #ZeroCovid-Strategie, die afrikanischen Länder versuchen es zumindest. In Europa und den USA: Nein danke, Herdenimmunität durch natürliche Durchseuchung. Prof. Devi Sridhar sagt:Man muss von Ostasien und Afrika lernen.“ Unvorstellbar mit der westlichen Arroganz, von jenen Ländern lernen zu müssen, die man über Jahrhunderte hinweg ausgebeutet hat, um sich seinen neoliberalen Wohlstand aufbauen zu können. Ich hatte die Grünen klüger und weltoffener eingeschätzt. Vielleicht trifft das nur auf die österreichischen Grünen nicht zu. Es ist auch deswegen so verwunderlich und schockierend, weil die Grünen sich den Kampf gegen die Klimaewärmung auf die Fahnen geschrieben haben und seit Jahrzehnten damit Politik machen. Die Klimaerwärmung ist wie das Virus im symptomfreien Zustand eine schleichende Gefahr und erst, wenn es zu spät ist (Kipppunkte erreicht, Artensterben), wird man erkennen, dass man die Folgen nicht mehr rückgängig machen kann.

Danke Coronaleugner, Coronaverharmloser, Verschwörungserfinder, Wissenschaftsfeinde, Masken-Gegner, Nasenraushänger, Diktaturschreier! Und nein, Eure Kinder sind nicht für ewig ungebildet, weil sie nun 3 Wochen daheim lernen. Aber die Toten bleiben auch nach den 3 Wochen tot.

„Standard“-Journalistin, Colette Schmidt, 15.11.20

Erst dann zu handeln, wenn die Intensivkapazitäten erschöpft sind, stellt den grünen Gesundheitsminister auf eine Stufe mit neoliberalen Wirtschaftstreibenden, die den Planeten noch so lange ausbeuten wollen, wie möglich, denn die Zeche zahlen die Folgegenerationen, aber sicher nicht sie selbst.

Von der ÖVP und auch den NEOS habe ich keine sinnvollen Vorschläge erwartet, es entspricht ihrer Ideologie. Die SPÖ fährt wie die ÖVP einen populistischen Kurs und verrät die Gesundheit ihrer Wähler. Die Entzauberung der Grünen aber ist die größte Enttäuschung aus dieser Pandemie, von den zahlreichen anderen überschrittenen roten Linien ganz zu schweigen. Wenn diese Partei erneut aus dem Parlament fliegen wird, werde ich ihr keine Träne mehr nachweinen.

Schuld sind immer die anderen

Die Bevölkerung sei jetzt Schuld am Lockdown. Die Leute, die die Einkaufszentren und Shoppingmeilen stürmten, würden verantwortungslos handeln. Dabei liegt das am inkonsistenten politischen Narrativ. Lockdown für den Sommertourismus, zweiter Lockdown für den Wintertourismus.

Nachdem wir die gesundheitlichen Folgen der Krise überstanden haben, müssen wir jetzt angesichts der Weltwirtschaftskrise die Konjunktur in Österreich wieder ankurbeln […]

Bundeskanzler Kurz am 13. Juni 2020

Erst lässt man den Handel am längsten geöffnet, dann stürmen die zunehmend verarmenden Menschen die Geschäfte, um sich mit Schnäppchen einzudecken, denn so weitsichtig sind dann doch viele, dass für längere Zeit eine schwere Wirtschaftskrise bevorsteht. Natürlich hätte man schon im Sommer eine massive Offensive für den Online-Handel als Vorbereitung auf die zweite Welle starten können. Eine von vielen Versäumnissen der Regierung. Jetzt sind also die Schuld, die im Sinne des Kanzlers gehandelt haben. Natascha Strobl hat den blanken Hohn dieser Schuldverlagerung in einem Thread erläutert – zusammengefasst:

  • keine klare Kommunikation: kein Ziel oder Strategie, Weihnachtshandel und Skisaison gleichberechtigt neben „Menschenleben retten“ und „Überlastung verhindern“
  • schlechte Beratung: Regierung von einem Tross von Scheinexperten und Dampfplauderern umgeben
  • Krise ohne Führung, unübersichtlich, ungewiss, ohne Kooperationen
  • Widersprüchliches Narrativ: Angst, Auferstehung, besser als alle anderen, nie Lockdown, plötzlich Lockdown
  • Verantwortung beginnt oben, nicht unten

Verantwortung übernehmen heißt in Österreich in der Regel nicht Rücktritt, sondern weiter im Amt bleiben. Lunacek hat früh die Konsequenzen gezogen, mit der gleichen Haltung wäre inzwische die ganze Regierung zurückgetreten. In Tirol sind weder Tilg noch Platter wegen dem Versagen am Arlberg zurückgetreten. Kurz ist nicht zurückgetreten aufgrund des Chaos, das er in Ischgl selbst verursacht hat durch unkoordiniertes Zusperren. Nehammer ist nicht zurückgetreten wegen dem Terroranschlag in Wien, der durch unfassbares Behördenversagen zustandekam und nicht durch die böse Flüchtlingswelle, die eine ganze Gruppe an Menschen unter Generalverdacht setzt. Nehammer hat sich nicht einmal bei den Opfern entschuldigt! Faßmann war gestern auf der Pressekonferenz vom starken Anstieg der Fallzahlen überrascht, es ist eines Bildungs- und Wissenschaftsministers nicht würdig, wenn er Exponentialrechnung nicht beherrscht. Es wird lange dauern, bis jemand wirklich Verantwortung übernimmt für diese Tragödie, für das größte politische Versagen seit der Machtergreifung Hitlers. Eine Regierung, die die Gesundheit ihre Bevölkerung nicht schützen kann, ist einer Demokratie nicht würdig.

Wie hätte man denn handeln können?

  1. Für eine konsistente Datenbasis, funktionierende Dateninfrastruktur und Meldeprozesse sorgen. Das wäre die Basis für alles.
  2. Rechtzeitig Personal auf allen Ebenen aufstocken durch Neuanstellungen etwa für Contact-Tracing.
  3. Pflegeberufe durch sofortige Gehaltserhöhungen attraktiver machen, auch wegen der Wertschätzung in der Pandemie.
  4. Abschiebungen von Pflegepersonal stoppen.
  5. Nachgewiesene Experten aus der Wirtschaft für Projekt- und Krisenmanagement rekrutieren und „empowern“.
  6. Wissenschaftliche, klare Krisenkommunikation statt türkise Politik-PR.
  7. Rechtzeitiges Aufbauen ausreichender Testkapazitäten.
  8. Notwendige Budgetumwidmungen (z.B. Richtung Schulen).
  9. Mehrere Krisenszenarien für Schulen usw. mit klaren Kriterien entwickeln.
  10. Schnelle Feedback- und Lernzyklen. Daraus folgend schnelle Neubesetzungen mit kompetenten Entscheidern.
  11. Der Wissenschaft technisch einfach alle vorhandenen Daten zur Verfügung stellen.

Quelle: Dr. Philoponus, 14.11.20

Kein schnelles Ende in Sicht

Der harte Lockdown nimmt Rücksicht auf die körperliche und psychische Erholung. Öffentliche Verkehrsmittel dürfen dafür benutzt werden. Das ist eine wesentliche Verbesserung zur ersten Welle, als viele Stadtbewohner auf ihr Grätzel beschränkt waren, während Autofahrer zur Erholung jederzeit aufs Land fahren konnten. Ebenso wird Rücksicht genommen auf Alleinlebende, die enge Bezugspersonen sehen dürfen, auch wenn sie nicht – no na – im gleichen Haushalt leben. Ob man jetzt für Wochen nur eine Person sieht oder mehrere einzelne Personen, ist nicht das Recht des Kanzlers zu bestimmen. Ich sehe z.b. auf Arbeit wesentlich häufiger mindestens drei fremde Haushalte als in meiner Freizeit – wo sie zudem überwiegend draußen stattfinden. Was verhindert werden soll, sind große Familienzusammenkünftige und Gruppen, die gemeinsam (indoor) feiern. Das sind die Superspreading-Events, das verstärkt den Perkolationseffekt bei den jetzt hohen Infektionszahlen. Das muss unterbunden werden.

Die Zivilbevölkerung wird auch in den nächsten Monaten viele Aufgaben übernehmen müssen, die die Regierung und auch Opposition nicht leisten will, vor allem Solidarität gegenüber den Schwachen, seien es dringend benötige Computer und Laptops für Bedürftige (v.a. Kinder), oder Angebote von Privatpersonen für den Mathe- oder Deutschunterricht (via Videotelefonie), die Versorgung von Armutsbetroffenen, etc. Ebenso werden wir, Privatpersonen, engagierte Ärzte und Pensionisten, weiterhin die Rolle der Journalisten mitübernehmen müssen, über die Sauereien aufzuklären, die da im Hintergrund ablaufen.

Die Folgen überlasteter Spitäler haben die Herdenimmunitätsfreunde der Regierung und auch die NEOS nicht überrissen. Der Mensch als knapp gehaltene Ressource ist nicht dauerhaft für Überlastung gemacht.

I saw what the #Ebola outbreak did to healthcare workers and #COVID19 doesn’t compare. Since January I have been worried about the mental health of HCWs and am more concerned now thinking about what they will endure the next 4 months. We will have a huge problem on our hands.

Global-Health-Expertin Dr. Krutika Kuppalli, 15.11.20

Der kolportierte Lockdown über zweieinhalb Wochen wird nicht reichen. Nicht, um die Spitäler zu entlasten und erst recht nicht, wenn einige Fehlentscheidungen und Personalbesetzungen nicht korrigiert werden.

Die Fallzahlen steigen noch rund 2 Wochen weiter, bis der Lockdown am DIENSTAG greift. Alles bis Dienstag schlägt erst 1-2 Wochen später im Spital auf. Vieles, was jetzt schon noncovid Spitalsaufenthalt braucht, kann nicht stattfinden bzw nicht mehr in der gleichen Versorgung wie wir es in einem der reichsten Länder der Welt gewohnt sind. Dessen Gesundheitssystem angeblich viel besser als das von New York oder Lombardei wäre .

Rund 20% gehen ins Spital, 1-2% werden intensiv (Triage verschärft sich). Die Todesraten steigen wie im März in New York auf über 1%, weil durch die Überlastung nicht mehr alle behandelt werden können und Fehler dazukommen. Selbst wenn die Fallzahlen deutlich zurückgehen, muss erst der Normalbetrieb wieder hochgefahren werden. Das Personal ist bis dahin aber völlig überlastet und man kann nicht mal eben neues ausbilden. Unsere Nachbarländer werden auch zu tun haben. Vielleicht muss man ausgebildetes Personal aus Asien einfliegen?

Deswegen ist meine Befürchtung als informierter Laie, dass wir eher bis Jahresende im harten Lockdown sitzen werden. Die Kollateralschäden durchs zu lange Warten sind weit größer als bei einem frühen, kurzen Lockdown wie im März. Die Regierung hat versagt und muss zurücktreten.
Solange die Opposition nicht erkennt, dass erst der Allerberger-Weg, den viele beratende Scheinexperten unterstützen, in unsere Misere geführt hat, bringt auch eine neue Regierung keine Verbesserung und vor allem keine Perspektive für die Menschen in naher Zukunft. Die Folgen untätigen und falschen Handelns müssen alle ausbaden. „Ich bin Privatpatient“ zieht nicht mehr, wenn es um Leben oder Tod geht. Das ist wohl das Einzige, was zum Umdenken bewegen kann. Wenn der eigene Wohlstand und die Privilegien, die damit einhergehen, nicht retten.

Wenn alle Betten belegt sind – teilweise mit Kranken, die es mit größter Wahrscheinlichkeit nicht schaffen werden, und ein Kranker, der stirbt, wenn er nicht auf die Intensiv kommt, aber auf der ICU gute Chancen hätte, was mache ich dann? Das sind Entscheidungen, die keiner von uns treffen möchte, weil sie einen vielleicht nicht mehr loslassen. Aber vermutlich würde ich beim Chancenlosen die Beatmung abschalten und ihn/sie damit umbringen, damit der andere überlebt. Das rechtliche kommt dann später.

@docjosiahboone, 15.11.20

Herdenimmunität-Strategie des gescheiterten Schwedischen Wegs durch die Hintertür

Zum Abschluss noch ein Verweis auf die erneut hervorragende Seuchenkolumne von Robert Zangerle:

Lockdown: Vom Glück zum Pech. Willkommen im Worst Case!

Ein weiterer Grund, zwar ein wenig hypothetisch, weil nachhaltige Beweise fehlen, aber durch viele Indizien doch recht wahrscheinlich, ist die weit verbreitete Haltung, die nicht sehr kontrollierte Verbreitung von SARS-CoV-2 einfach geschehen zu lassen. Sie kommt in verschiedenen Formen daher, sei es als fatalistische Formel „wir bekommen es eh alle“, oder als Aufforderung, endlich zu lernen mit dem Virus zu leben und damit „die neue Normalität“ zu akzeptieren.

und

Auch die Oppositionsparteien stellen dem Offenhalten der Schulen den besonderen Schutz der Alten- und Pflegeheime gegenüber. Ist ihnen allen nicht bewusst, dass ihre Positionen von der rein politischen Strategie einer Herdenimmunität, die von „focused protection“ spricht, nur schwer unterscheidbar sind?

Und worauf ich immer wieder hinweisen möchte:

Das Ziel muss sein, Neuinfektionen so niedrig wie möglich zu halten statt sich nur an Normal- und Intensivbetten zu orientieren. Der Grund sind die hohen Zahlen an Infizierten mit Komplikationen – über 20% entwickelt körperliche und psychische Symptome von Longcovid.

Ein Gedanke zu “Tag 247: Lockdown ohne Perspektive?

  1. Ich versuche seit dem heurigen Frühjahr „informierter Laie“ zu sein — ich bin 56, meine Frau gehört zur Risikogruppe. Ich habe Twitter (noch am ehesten geeignet als Nachrichtenlieferant aus allen Richtungen) verwendet, habe die Studien, die ich googeln konnte, gelesen usw. usf.
    Die Blogbeiträge in diesem Blog fassen das, was ich für mich (und mein persönliches Handeln) herauskonzentriert habe, mehr als treffend zusammen — mit all den Links und Belegen. Ich teile die Einschätzungen, die Bewertungen, die Zuweisung der Verantwortung.
    Danke.

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