Tag 286: Allerbergers AGES-Agenda?

Ich kann das hier höchstens anreißen. Vor kurzem stieß ich auf einen Vortrag von Franz Allerberger auf der Uni Salzburg vom 12. Februar 2020. Das Video ist in vielerlei Hinsicht demontierend, und zwar sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Es wirft weder ein gutes Licht auf Allerberger selbst noch auf die Regierung. Allerberger ist Leiter des Geschäftsfelds für Öffentliche Gesundheit (Public Health) bei der AGES. Er fiel seit dem ersten Lockdown immer wieder durch flapsige Aussagen auf und scheint zu vergessen, dass er als Amtsträger in einer der wichtigsten Rollen während der Pandemie private Meinungen auch so kennzeichnen muss. Für die strategische Ausrichtung der Pandemiebekämpfung durch die Regierung und deren Kommunikation an die Bevölkerung besitzt Allerberger einen hohen Stellenwert. Die Sprecherin der Corona-Kommission ist die Chef-Epidemiologin der AGES, Daniela Schmid, deren Stellvertreter Allerberger ist. Allerberger sitzt auch in der Taskforce, dem Beraterstab des Gesundheitsministeriums, dort befindet sich u.a. auch Infektiologe Weiss, der im Mai bereits die Lockerung der Maskenpflicht in Aussicht stellte und im September zu den Verharmlosern der zweiten Welle gehörte. Er ist regelmäßiger Gast bei Interviews in Zeitungen und Fernsehen. Wenn Allerberger nur eine Person unter vielen ExpertInnen in Kommission und Beraterstab ist, woher kommt der starke Einfluss auf Anschobers Politik? Diese Frage hat – nicht ahnend, welche Folgen das haben könnte – die FALTER-Journalistin Barbara Tóth in der letzten FALTER-Ausgabe mit einem Porträt Anschobers beantwortet:

Allerberger und ihn [Anschober] verbindet der regelmäßige Corona-Test, den der Arzt beim Minister persönlich vornimmt. In den zehn Minuten, bis das Ergebnis da ist, tauschen sie sich aus, unter vier Augen. „Da ist oft Zeit für das Fachgespräch. Beratung heißt auch, unterschiedliche Einschätzungen zu hören und sich daraus eine eigene Meinung zu bilden.“ Das klingt ganz anders als bei Kanzler Kurz, der Wissenschaftler schon einmal in „richtige“ und „falsche“ Experten einteilte, je nachdem, ob ihre Ratschläge in sein politisches Konzept passen oder nicht – und Allerberger ganz sicherlich letzteren zuordnet.

Barbara Tóth, FALTER

Hier zeigt sich bereits ein grundlegendes Missverständnis beim grünen Gesundheitsminister:

Wissenschaft ist nicht die Meinung des Klügsten, sondern ein Geflecht an Fakten, die einander gegenseitig stützen.

Physiker Florian Aigner, 22. August 2020 (Twitter)

Kanzler Kurz‘ Einteilung in richtige und falsche Experten ist näher an der Realität der Experten und Scheinexperten zu sprechen, allerdings liegt das weniger daran, dass Kurz aus Vernunft auf Drosten & Merkel hört, sondern, dass er im Vergleich zu den Nachbarländern nicht zu weit zurückfallen möchte und daher ein paar sinnvolle Maßnahmen kopiert (Quelle). Denn konsequent ist seine Umsetzung nicht: Homeoffice wird erst im März geregelt und die Schulen sind bis heute nicht der sichere Ort, von dem Bildungsminister Faßmann immer redet.

Die Krux mit den Aerosolen

Ich erinnere mich zu Beginn, dass Sprenger die Schließung der Parks und Gärten für einen schweren Fehler hielt (zurecht, denn draußen ist mit ausreichendem Abstand das Infektionsrisiko viel geringer als in beengten Wohnungen), während Allerberger den flapsigen Sager „Das Virus hat keine Flügel“ fallen ließ, und damit die Tröpfcheninfektion als dominant postulierte, denn Tröpfchen sinken mit der Schwerkraft rascher zu Boden als schwebende Aerosole – woraus sich der von der WHO empfohlene Mindestabstand von einem Meter, bzw. in anderen Ländern 1,5-2m, erklärt. Die Aerosolkomponente von SARS-CoV2 wusste man jedoch schon mindestens seit Mitte März (Artikel von Sharon Begley auf Statnews), und für VirologInnen wie Katharina Kopp ist schon viel länger klar, dass Aerosole eine dominante Rolle bei Atemwegserkrankungen spielen, und die von der WHO immer noch präferierte Tröpfcheninfektion nicht mehr den aktuellen Wissensstand widerspiegelt. Denn nur Aerosole können den überdispersiven Charakter des Virus, das sich überwiegend durch Cluster verbreitet, erklären, etwa im Kirchenchor, im Fitnesstudio oder in Lagerhallen. Schließlich hat auch das amerikanische CDC seine Richtlinien angepasst. Die FAQ der AGES war schon Mitte Juli veraltet, der Meter-Abstand steht bis heute in den Coronaverordnungen.

Abstandsregel
Ein oder eineinhalb oder gar zwei Meter? Jedenfalls weit genug, um Aerosole (noch so ein Fachbegriff) abzuschütteln, die das Virus mittragen.

Barbara Tóth im „Alphabet des Jahres“, FALTER 52/20, S. 28

Das ist auf so vielen Ebenen verkehrt. Der klinische Epidemiologe Robert Zangerle erläuterte am 22. September, dass man von falschen Dichotomisierungen Abstand nehmen sollte. Die Abstandsregel geht auf auf eine Publikation aus dem Jahr 1897 zurück, in Experimenten in den 40er Jahren wurde gezeigt, dass einzelne Tröpfchen bis knapp drei Meter weit fliegen können. Tatsächlich gibt es ein großes Tröpfchenspektrum bis hin zu den winzigen Aerosolen, die stundenlang in trockener Luft schweben können und besonders leicht bis in die Lunge eingeatmet werden können. Sie können mehrere Meter Distanz locker überwinden, insbesondere bei Klimaanlagen mit Umluft bzw. Luftströmungen ohne Frischluftzufuhr. Doch selbst bei Tröpfchen ist vorstellbar, dass ein Niesanfall diese meterweit in den Raum befördert. In jedem Fall ein Grund für eine gut und dicht sitzende Maske, bestenfalls eine FFP2-Maske, um auch die kleinsten Aerosole aufzuhalten.

In der FALTER-Ausgabe vom 09. September 2020 wurden von den Redakteuren 10 Fragen zu Corona beantwortet, darunter auch zum häufigsten Übertragungsweg. Laut FALTER würden Virologen die meisten Corona-Infektionen auf Tröpfchen zurückführen. Namentlich genannt wurden sie nicht, auf Nachfrage per Leserbrief war die Antwort sinngemäß, dass keiner der durch die Redakteure befragten Experten die Infektionen durch Aerosole als maßgeblich eingestuft hat, u.a. wurden Hendrick Streeck und Franz Allerberger befragt, die davon ausgehen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Tröpfchen die meisten Covid-Infektionen verursachen würden. Infektionen durch Aerosole wären deutlich seltener. Da es sich bei beiden um angesehene Experten auf ihrem Gebiet handeln würde, hätte es keinen Grund gegeben, an ihren Aussagen zu zweifeln. Auf meine angeführten Quellen wurde damals leider nicht eingegangen.

Wir erinnern uns, dass erst Ende Oktober die Face Shields und Kinnvisiere verboten wurden, nachdem man erkannt hat, dass sie keinen gleichwertigen Schutz wie Mund-Nasen-Masken bieten, ein Umstand, der schon seit 2014 bekannt ist. Den fachlichen Hintergrund würde man wesentlich besser verstehen, wenn die zentrale Rolle der Aerosole bis ins Gesundheitsministerium gerieselt wäre. Sie wird bis heute kleingeredet, es werden angeblich keine Belege für die Wirksamkeit von Masken gefunden. Mit einem halben Jahr Verspätung veröffentlich die Gesellschaft für Aerosolforschung eine Aussendung, in der die Bedeutung der Aerosole im Infektionsgeschehen erläutert wird. Bis dato wusste ich nicht, dass es so etwas in Österreich überhaupt gibt. In Deutschland arbeiten Charité Berlin (Virologe Drosten und Kollegen), RKI und Herman-Rietschel-Institut inklusive Aerosolforschern eng zusammen, daher wussten wir aufmerksame Laien schon seit dem 12. Mai 2020 von der Aerosol-Komponente des Virus, und welche Auswirkungen das auf präventive Maßnahmen haben sollte. In den neuesten Covid-Verordnungen ist immer noch von nutzlosen Plexiglasbarrieren die Rede, aber nur, wenn der „Meter Abstand“ nicht eingehalten werden könne. Die live übertragenden Parlamentssitzungen im Nationalrat zeigen, wie nutzlos diese Plexiglasscheiben sind, wenn der Redner größer als die Front ist und diese zu den Seiten hin offen ist. Ähnlich nutzlos auch die Scheiben an der Supermarktkasse.

Great Barrington -Befürworter unter sich

Im Einklang mit dem schwedischen Chefepidemiologen Anders Tegnell, den – Stand, 20.12.20 – Allerberger immer noch zur „New Year’s Lecture of the ASM“ nach Wien einlädt – wollte Allerberger Schulen und Kindergärten im ersten Lockdown nicht schließen.

„nach diesem Winter, werden wir erst sehen, ob man noch eine zweite Saison noch durch müssen, und ob sich das Problem dann natürlich geregelt hat.“

Franz Allerberger, „Frühstück bei mir“ (Ö3), 25.10.20

„a point would speak for keeping the schools open to reach herd immunity faster“

Anders Tegnell, 14.03.20

„Infants, kids, teens, young people, young adults, middle aged with no conditions etc. have zero to little risk….so we use them to develop herd…we want them infected…“

Wissenschaftsberater von Trump, Paul Alexander, 04.07.20

Die Great Barrington-Erklärung verfolgt den Ansatz einer kontrollierten Durchseuchung der Bevölkerung, damit die Mehrheit der gesunden, risikoarmen Bevölkerung ein „normales Leben“ führen könnte und man die Risikogruppen schützen sollte. Hier wird jedoch ausschließlich auf das Sterberisiko abgezielt, Spätfolgen einer Covidinfektion kommen in der GB-Erklärung nicht vor. Wir wissen schon seit längerem, dass bei COVID19 jede (!) Altersgruppe potentiell gefährdet ist, und zwar auch ohne Vorerkrankung! Covid19 ist eine Gefäßerkrankung, die multiplen Organschäden führen kann. Selbst bei Kindern mit symptomfreien Verläufen wurde ein Anstieg jenes Biomarkers beobachtet, der in Zusammenhang mit Mikrothrombosen steht. Der GB-Ansatz führt also zu einer signifikanten Zahl an geschädigten Betroffenen aller Altersgruppen Es gelingt bei einer absichtlich herbeigeführten hohen Inzidenz in der Bevölkerung nicht, die von erhöhter Sterblichkeit besonders betroffenen 65+ zu schützen, denn insbesondere in Alten- und Pflegeheimen arbeiten ja nicht nur isoliert lebende Singles, sondern Familienangehörige, die das Virus, selbst wenn sie sich im Alltag vorsichtig verhalten, über ihre Partner und Kinder an die gefährdete Gruppe weitergeben.

Im berüchtigten Ö3-Interview „Frühstück bei mir“ (25.10.) stimmte Allerberger auch dem griechisch-amerikanischen Gesundheitswissenschaftler und Statistiker John P. A. Ioannidis zu, dessen zu niedrig geschätzte IFR auf eine fehlerhafte Stanford-Studie zurückgeht.

Selbst wenn man einmal annehmen würde, es gelänge uns, alle Risikogruppen zu schützen, in Deutschland sind das per definitionem 40% der Bevölkerung, bleiben die Schäden durch und nach einer Covid-Infektion bei vorher gesunden Menschen (LongCovid). Allerberger interessiert sich allerdings nicht für Erkrankungsrisiken oder Spätfolgen, sondern nur für die Sterblichkeitsraten. Alleine daran misst er die Gefährlichkeit eines Virus.

Am Ende des Tages sind diese Mortalitätsdaten das Einzige, was für einen Public-Health-Experten wie mich zählt

Franz Allerberger im „Standard“-Porträt, 01.08.20

Seit der Corona-Krise schlägt sie in vielen Ländern Haken nach oben, und das bedeutet: Übersterblichkeit. In Österreich tut sie das bisher nicht. „Das ist das Einzige, woran man unsere Arbeit messen kann“, sagt Allerberger. Die erwartete Katastrophe sei bisher nicht eingetreten.

Franz Allerberger, „Die Zeit“-Porträt, 27.07.20

Die WHO definiert Gesundheit hingegen so:

„Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity. The enjoyment of the highest attainable standard of health is one of the fundamental rights of every humans being. „

WHO

Ich halte es da lieber mit dem John Snow Memorandum, die als Stellungnahme auf die Great Barrington Erklärung veröffentlicht wurde, und der ZeroCovid-Strategie europäischer Wissenschaftler, interessanterweise auch von Epidemiologin Schmid unterzeichnet, die auf Basis unzureichender Datenlage Aussagen zur Rolle von Schulen trifft, die nicht im Einklang mit zahlreichen Beobachtungen in anderen Ländern stehen. Auch wenn sich internationale Studien teilweise widersprechen, ist Fakt: Kinder können sich und andere infizieren und für sie gelten die gleichen Regeln für alle anderen Teilnehmer am Infektionsgeschehen auch!

Ideologie von Allerberger?

Über Monate hinweg ist mir das nicht aufgefallen, schlicht durch den Umstand, dass Österreich eines der Länder mit den härtesten Asylgesetzen Europas ist und durch seine mangelnde Aufklärung des Nationalsozialismus schon immer einen unverblümten Hang nach Rechts hat. Was früher die FPÖ war, sind heute die Türkisen.

„Sie müssen sich vorstellen, Herr Bürger, das, was ich heute sage, ist vor 3 Jahren in der EU von vielen als rechts oder rechtsradikal bezeichnet worden.“

Kanzler Kurz, September 2018

Im Frühjahr haben wir uns noch darüber echauffiert, dass Kurz in seinen Ansprachen ans Volk nur von den „lieben ÖsterreicherInnen“ spricht, Nehammer übernahm später „liebe Österreicher und alle Menschen, die in Österreich leben“, als ob Österreicher keine Menschen wären, statt einfach zu sagen „liebe Mitbürger in Österreich“. Punkt. Später war klar, die 24-Stunden-Pflegerinnen aus Rumänien mussten ihren PCR-Test selbst zahlen, als sie nach Österreich geholt wurden. Im Frühling gab es den Cluster bei der Post mit billigen Leiharbeitern, Tagelöhnern, großteils mit Migrationshintergrund. Es wurde klar, dass jene, die am wenigsten verdienen, am meisten hackeln, am seltensten im Homeoffice sind, sich am schlechtesten schützen können, am wenigsten Kündigungsschutz haben, nur dann angesprochen werden, wenn es darum geht, Vorurteile zu bedienen („hereingeschlepptes Virus“). Wertschätzung? Null. Erhöhte Infektionsgefahr in den Herkunftsländern, aber auch in der Arbeit und im Alltag durch beengte Wohnverhältnisse ist aber nur eine Seite der Erzählung.

Warum, habe ich mich gefragt, tut die Regierung nichts für Prävention? Von der AGES kamen sporadisch immer wieder Aufrufe, auf den eigenen Gesundheitszustand, wenn man dieselben öffentlichen Verkehrsmittel wie positiv getestete Personen benutzt hatte. Bei Prävention dachte ich an technische Prävention mit Luftfiltern, Appelle zu Lüften, Lösungen mit Standventilatoren, um auch Unterrichts- oder Geschäftsräume zu durchlüften, die keine Klimaanlage mit Frischluftzufuhr oder Fenster haben, ich dachte an profane Hinweise wie, das Autofenster einen Spalt offen zu lassen, weil der Unterdruck bereits ausreicht, das Infektionsrisiko massiv zu senken, oder wie man Masken korrekt reinigt und trägt, etwa FFP2-Masken verstärkt empfehlen. Ich dachte aber auch an medizinische Prävention. Ausreichende Vitamin- und Mineralstoffversorgung. In UK bzw. Schottland wurde Vitamin-D-Supplementierung empfohlen. Gewicht- und damit Risikoreduktion bei genetisch bedingter Adipositas klingt unrealistisch, aber wer mit Übergewicht weiß, dass er damit einen höheren Vitamin-D-Bedarf hat, weil es länger dauert, bis Vitamin-D verstoffwechselt wurde? Es gibt verschiedene Experimente mit Nasen- und Rachensprays mit Rotalgenextrakt (derzeit klinische Studie im Kaiser-Franz-Josef-Spital), aber auch mit Mundspülungen (Listerine).

Mir ist die letzten Monate wenig dergleichen aufgefallen, keine Präventivkampagne, keine kurzen Clips in den U-Bahn-Stationen oder über die Infobildschirme dazu. Das passt einerseits gut zur Durchseuchungsstrategie, denn je weniger die Bevölkerung über Schutzmaßnahmen Bescheid weiß, desto schneller gelingt die Durchseuchung, andererseits missachtet es eine signifikante Gruppe, die besonders gefährdet ist.

Manchmal ist die wichtigste Information, dass der Hund nicht gebellt hat.

Gregory (Scotland Yard detective): Is there any other point to which you would wish to draw my attention?

Holmes: To the curious incident of the dog in the night-time.

Gregory: The dog did nothing in the night-time.

Holmes: That was the curious incident.

Quelle: Zeynep Tufekci, Small Data, Big Implications

Als ich meinen Faktencheck von Allerberger in „Frühstück bei mir“ (Ö3) gemacht habe, achtete ich vor allem auf inhaltliche Fehlaussagen. Das Transkript zeigt rückblickend betrachtet aber noch mehr: Wer wird in den knapp zwei Stunden Interview nie erwähnt?

Der Großteil der Österreicher, sicher 90%, sind noch voll empfänglich gegen diesen Erreger, ein Erreger, der bei weitem nicht so schlimm ist, wie wir gefürchtet haben.

…und auch wenn die Krankheit relativ harmlos ist, 90% der Österreicher sind noch empfänglich. So erfreulich es ist, dass junge Menschen ein geringeres Risiko haben, schwer zu erkranken wie bei Grippe, bei den alten Menschen ist die Sterblichkeit deutlich höher,

Es ist eine Krankheit, die für den einzelnen, jedenfalls für junge Menschen kein Problem ist, und trotzdem muss man es ernst nehmen, weil wenn alle 90% Österreicher, die zumindest noch empfänglich sind, gleichzeitig diese Infektion haben, dann haben wir sicher eine Überlastung von unserem Gesundheitssystem.

Die WHO sagt, dass bis zu 10% der Bevölkerung bereits SARS gehabt haben könnten, sagt die WHO. 10% ist auch noch zu wenig, heißt ja auch, dass 90% der Österreicher noch empfänglich wären, also wir müssens ernst nehmen, aber des würd sich dann nach diesem Winter, werden wir erst sehen, ob man noch eine zweite Saison noch durch müssen, und ob sich das Problem dann natürlich geregelt hat.

In meinem demokratischen Verständnis einer Gesundheitsbehörde wie der AGES, wo Allerberger den Bereich Öffentliche Gesundheit leitet, geht es um die Gesundheit aller Menschen in Österreich.

Schmid begründet die Zurückhaltung beim Infektionsrisiko so:

„Wenn ein Ausbruch eine bestimmte Ethnie oder Religionsgemeinschaft betrifft, ist völlige Transparenz immer heikel. Wir Österreicher haben ja schon x-mal in unserer rühmlichen Vergangenheit bewiesen, dass Menschen sofort stigmatisiert und diskriminiert werden.“

Daniela Schmid, „Die Zeit“, 27.07.20

Am 28. November 2020 erschien ein umstrittener Beitrag in der „Presse“. Dort konstatierte ein Intensivmediziner, dass 60% seiner Intensivpatienten in Ottakring Migrationshintergrund hätten. Hier geht es wohlgemerkt nicht darum, ob das Virus „mit dem Auto“ kommt oder ob es „durch Menschen, die den Sommer in ihren Herkunftsländern verbracht haben, wieder ins Land geschleppt haben“ (beides berüchtigte Zitate von Kanzler Kurz). Hier geht es nicht um Infektionsrisiken, sondern um Erkrankungsrisiken, die tatsächlich bei Menschen mit Migrationshintergrund ausgeprägter sind als ohne.

Der Hund, der nicht gebellt hat, ist in unserem Fall also die AGES, die Migranten weitgehend außen vor lässt, obwohl sie überproportional häufig schwer erkranken und damit auch ein erhöhtes Risiko zu sterben haben bzw. Langzeitschäden davon zu tragen. Noch einmal, ob sie sich nun besonders oft am Balkan oder vor der eigenen Haustür anstecken, ist hier unerheblich. Es zählen alleine die Hospitalisierungen bzw. die in Österreich nicht erhobene Zahl an Covid-Patienten, die sich zuhause auskuriert hat, aber immer noch Symptome hat und nicht arbeitsfähig ist.

Fremdenfeindliche Sprache

Noch eine Aussage aus dem „Standard“-Artikel, der ich bisher wenig Bedeutung beigemessen habe ….

Eine Lektion, die man bei meiner Tätigkeit lernt: den Daten aus bestimmten Ländern und Regionen – etwa aus Afrika oder auch aus bestimmten Regionen in Europa – nicht zu vertrauen, weil man nicht weiß, wie sie zustande kommen.

Da wäre dann noch ein Zitat im FALTER, bezogen auf die Princeton-Studie, nach der Kinder gleich infektiös sein können wie Erwachsene.

„Indische Lebensverhältnisse lassen sich doch nicht mit unseren vergleichen“

Franz Allerberger, 14.10.20, FALTER

Im Video vom Salzburger Unifernsehen vom 12. Februar 2020 möchte ich mich hier auf die sprachlichen Entgleisungen und Andeutungen konzentrieren, die in der Summe ein stimmiges Bild von der Geisteshaltung des Herrn Allerbergers geben:

  • alles, was ich Ihnen jetzt zeige, ist für Ihre Informationen, aber ich bin ein Schreibtischtäter.
  • seit gestern Presseaussendung vom Chef der Weltgesundheitsbehörde, ich spreche den Namen nicht aus, weil das schaff ich nicht
  • und die dreizehn anderen haben sich alle angesteckt bei einer Ingenieur…. Chinesin mit Ingenieurausbildung, die zur Fortbildung zur Schulung zu einem deutschen Automobil-Zuliefererbetrieb nach Bayern gefahren ist
  • Fleck-Typhus, das kennen Sie von unseren Konzentrationslagern in Bergen-Belsen [Niedersachsen]
  • Dass wir heute kein Fleckfieber mehr haben und kein Läuserückfallfieber … ich hab in 40 Jahren einen Fall gesehen, auch wieder von Richard Greil Patient, der 2015, äh, äh, illegal im…., illegal, ein, Sie kennen den politisch korrekten Ausdruck für, was ich meine, für einen somalischen Flüchtling, der damals gekommen ist.
  • Das erste Mal, dass ich einen Patienten mit Rückfallfieber gesehen habe und Kleiderläuse gesehen. Die Erfindung der Waschmaschine ist mindestens so wichtig wie die Erfindung von Impfstoffen…
  • Tirol ist da im Westen. Ich bin ja jedes Wochenende, weil ich eine Tirolerin geheiratet habe. Meine Frau sagt, ich darf, weil ich zur Blutauffrischung geholt wurde, was immer das heißt.
  • Da lernen wir: Was wir lernen, ist von den 37 europäischen Patienten, den Rest glauben wir oder glauben wir nicht.
  • China ist ja jetzt der, der unterrichtet und nicht mehr der, der unterrichtet wird.

Ein zweites Video mit Sprenger und Allerberger (22.09.)

  • „Angestellte sind, die aus der Tschechei.… Tschechischen Republik hereinpendeln“
  • Die serbischen Regalschlichterinnen, die im Sozialraum gemeinsam schlecht durchlüftet ganz hinten, kleiner Raum, das Mittagessen einnehmen, stecken sich natürlich untereinander an, weil sie sich unterhalten in der Muttersprache.
  • Ethnische Zuordnung zur Sterblichkeit, da fehlen uns schlichtweg die Daten.
  • Wie ich meine Public-Health-Ausbildung bei John Hopkins-gemacht hab, war ich ganz einmal frustriert, weil bei allen Beispielen nicht gerechnet wurde zwischen Äpfel und Birnen wie wir es in der Volksschule in Österreich lernen, sondern zwischen Schwarze und Weiße. Ich hab das nie ganz verstanden, denn die Schwarzen, die ich kenne, da hat praktisch jeder mal einen weißen Urgroßvater oder irgendwas Weißes drinnen.

Am Ende des Tages zählt die (Über)Sterblichkeit, wiederholt Allerberger gebetsmühlenartig, Daten zur ethnischen Übersterblichkeit werden aber nicht gesammelt oder nicht veröffentlicht, mit dem Scheinargument, dass das in die falsche Richtung gehen könne. Ich frage mich aber, was schlimmer ist. Wenn über 60% der Covid-Patienten auf der Bevölkerung Migranten sind und einen stillen Tod sterben, der an der Öffentlichkeit vorbeigeht, oder wenn man aufgrund der erhöhten Sterblichkeit die zugrundeliegenden Probleme anspricht, z.b. Arbeitsverhältnisse, Wohnverhältnisse, Zugang zur Gesundheitsversorgung, Mehrsprachigkeit bei Gesundheitsinformationen, etc. All das hätte man den Sommer über angehen können, auch mithilfe von Informationen aus dem Ausland, denn die erste Welle hat einwohnerreiche Länder stark getroffen und entsprechend viel Erfahrung und Daten wurden gesammelt (z.B. in Italien, Frankreich, Spanien, UK und USA). Der oben erwähnte Zeitungsbericht über Migranten auf der Intensivstation ging in die falsche Richtung, weil der Zeitungsredakteur bereits tendenziöse Fragen gestellt hat. Die Schlussfolgerungen daraus waren die falschen: Es läge am falschen Lebensstil.

Es wäre aber Aufgabe der Gesundheitsbehörden, der Journalisten und der Gesundheitspolitiker, die richtigen Schlüsse aus diesen Beobachtungen zu ziehen. Es ist in meinen Augen nicht die Aufgabe der AGES, relevante Daten vorzuenthalten, um eine unbequeme Diskussion darüber zu verhindern, wie wir mit gefährdeten Ethnien in Österreich umgehen.

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