Tag 656: Weshalb OMICRON kein Weihnachtsgeschenk ist …

Weihnachten in Mainfranken

Wer einen Text lesen will, der Hoffnung versprüht, ist bei mir an der falschen Stelle. Dafür bitte an unsere Medieneinvielfalt wenden – die verkünden ständig das Ende der Pandemie über ihre Propheten Wissenschaftler. Meine Resignation ist die Folge der Lernresistenz unserer Regierung aus den Misserfolgen der vergangenen Wellen. Der neu gegründete GECKO-Krisenstab wälzt die Verantwortung des Gesundheitsministers für die strategische Ausrichtung des Pandemiemanagements auf die zugehörigen Insassen ab. Dort sitzen mit Schernhammer und Oswald Wagner ausgerechnet jene irrelevante Experten, die ständig voreilig das Ende der Pandemie verkündet haben und über die Durchseuchung auch die immuninkompetenten Menschen geopfert hätten. Ebenfalls befindet sich Simulationsforscher Popper unter ihnen, der seit Monaten die Herdenimmunität herbeifabuliert. Zu blöd, dass die gewünschte DELTA-Herdenimmunität an Effektivität gegen die jetzt dominante OMICRON-Variante eingebüßt hat – nämlich von 85 auf 19% Schutz vor Reinfektion. Die Wortmeldungen der letzten Wochen selbst von Geimpften gehen Richtung Durchseuchung. Sie erklären die Pandemie für sich persönlich beendet. Das interessiert leider das Virus nicht.

Wo fang ma an?

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

– Art. 1 AEMR[2]: Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Die Gesundheit der gesamten Bevölkerung steht an oberster Stelle: Wenn wir uns schon darauf nicht einigen können und uns nicht so verhalten, als ob wir andere anstecken können, die aufgrund von Risikofaktoren und inhalierte Virusmenge einen schwereren Verlauf haben könnten, dann haben wir als Gesellschaft und Demokratie bereits versagt. Damit steht und fällt alles. Die Politik hat bereits versagt, sie hat uns dieses Grundprinzip nicht eingeimpft, sondern aus der Vergangenheit heraus das Recht des Stärkeren gelehrt. Das Recht des Reicheren, der Korrupten, der Lobbyverbände, der Wirtschaftsinteressen allgemein.

„Man hat eigentlich durchgehend die Angst, dass jemand in der Klasse vielleicht positiv ist, dass man vielleicht in Quarantäne muss. Diese Situation ist sehr angespannt und die ganzen negativen Seiten des Bildungssystems haben sich in der Krise noch verschlechtert. Der Leistungsdruck ist viel höher geworden. Das merkt man natürlich auch und es wird jetzt seit Monaten gesagt: „Wir müssen Stoff nachholen. […] „Wenn man es aber nicht schafft, dass man sicher in die Schule gehen kann, dann kann es eben keine Alternative sein, dass man unsicher in die Schule geht und dann Kinder und Jugendliche durchseucht werden.“

Mati Randow, AHS-Schulsprecher in Wien, 28.12.21

In der polarisierten Gesellschaft herrscht leider ausgeprägtes Schwarzweißdenken. Ja, es gibt ein paar Hinweise, dass OMICRON 40-70% weniger Spitalsaufenthalte als DELTA verursacht, aber das sind nicht 0%. Zudem ist OMICRON eine Weiterentwicklung von ALPHA und nicht von DELTA, und OMICRON macht sowohl schwerere Verläufe als ALPHA als auch deutlich mehr Ansteckungen. Mit einer Generationszeit von unter 5 Tagen ist OMICRON gegenwärtig die ansteckendste Infektionskrankheit, die es jemals gegeben hat. Weit mehr als Masern.

OMICRON beschleunigt die Infektionsraten weltweit dramatisch

Die heißen Themen im Einzelnen:

Wird OMICRON wirklich milder?

Im Gegensatz zum rückständigen Österreich, wo Impfstatus und Meldesystem (und einiges mehr wie Berufsgruppen) nicht verknüpft werden können, haben wir aus UK umfangreiche Daten

Das hängt immer mehr von der Perspektive ab. In der Bevölkerung herrscht eine unterschiedliche Mischung an vorhandener Immunität: Unterschiedlich wirksame Impfstoffe, einmal, zweimal, dreimal geimpft. Infektion durchgemacht, danach einmal oder zweimal geimpft. Zeitlicher Abstand zur jeweiligen Impfdosis, Alter, Immunkompetenz (angeborener Immundefekt, immunsupprimierende Medikamente, …), dazu kommen ungeimpfte Kinder, Impfgegner, einige wenige Personen, die nicht geimpft werden können und all jene, bei denen die Impfung nicht ausreichend Schutz erzeugt oder zu einer Zustandsverschlechterung führt (z.B. MECFS/LongCOVID) und daher vom Abschluss der Grundimmunisierung abgesehen werden muss.

Am Beispiel Englands sieht man eine hohe Grundimmunität, die dafür mit rund 1,5 Millionen (!) LongCOVID-Betroffenen erkauft wurde.

In Österreich (danke an Martin Polak) sieht die Grafik mangels Daten überschaubarer aus. Unbekannt ist die Schnittmenge aus infiziert (gelb) und geimpft (grün) – bekannt ist lediglich, wer weder geimpft noch infiziert wurde (rot). Problematisch sind ganz offensichtlich die großteils ungeimpften Kinder und Jugendlichen (0-14) und die Impflücken in den höheren Altersgruppen.

Zur Frage, ob es ein Vorteil ist, wenn ein Virus weniger schwere Verläufe [Long COVID unklar] macht, aber zugleich erheblich ansteckender ist, ein Gleichnis:

Wenn die Gefahr, vom Auto überrollt zu werden, um 25% verringert ist, aber vier Mal mehr Menschen die Straße überqueren, wie viel mehr Menschen werden überfahren werden? Antwort: Drei Mal so viel!

Es ist wie bei ALPHA oder DELTA. Ein ansteckenderes Virus macht die Reduktion schwererer Verläufe wett – es stecken sich mehr ein, davon erkranken einige schwer, und am Ende sind die Spitäler voll und LongCOVID wird wie immer ignoriert.

Normal- und Intensivpatienten in New York City, Stand 26.12.21

Notfallmediziner sagen nach mehreren Tagen im Dienst, dass OMICRON für Geimpfte milder verläuft, aber vor allem ältere oder vorerkrankte Menschen können schwerere Verläufe erleiden. Für Ungeimpfte bleibt es das gleiche tödliche Virus. Bei den meisten geimpften Menschen ähnelt das Virus jetzt mehr einer Erkältung oder einem grippalen Effekt, kann aber selbst bei dreifach geimpften Menschen ordentlich reinhauen samt Fieber und starker Erschöpfung (Fatique).

Keine Entwarnung gibt es bei Kindern – im Gegenteil, in New York City hat sich der Anstieg vervierfacht, die Hälfte der Patienten war unter fünf Jahre alt und kann noch nicht geimpft werden. Steigende Zahlen bei Kindern werden auch aus anderen Ländern berichtet. Wer darauf jetzt antwortet mit „geh, die sind bestimmt alle dick oder haben Vorerkrankungen“, sei kein Nazi, ich führ hier bestimmt keine Debatten, welches Leben lebenswert und welches lebensunwert ist.

Anteil der dreifachgeimpften Personen pro Altersgruppe

Fazit: Aus Sicht einer gesunden, mittelalten, dreifach geimpften Person, deren dritte Impfung erst wenige Wochen her ist, ist OMICRON nicht zum Fürchten. Es kann sich immer noch wie ein schwerer grippaler Infekt anfühlen, führt aber in der Regel nicht ins Krankenhaus. Für alle anderen, und das ist leider die Mehrheit, kann es unterschiedliche Schweregrade der Krankheitsausprägung geben. Unklar ist, was OMICRON für LongCOVID bedeutet – nachdem es wesentlich mehr Durchbruchsinfektionen als durch DELTA auch bei Dreifachgeimpften gibt und sogar Superspreading events (Helmsdal et al., 22.12.21) möglich sind. Aus der Sicht der Spitäler bedeutet OMICRON keine Entwarnung, und damit indirekt auch für all jene, die darauf warten, dass ihr ständig verschobene OP endlich nachgeholt werden kann, geschweige denn für NichtCOVID-bedingte Krankenhausaufenthalte. Die Schlussfolgerung ist klar: Durchlaufen lassen ist keine Option!

Mehr zu Omicron auch in der aktuellen Seuchenkolumne von Epidemiologe Zangerle.

Kritische Infrastruktur

Dazu kommt die Überlastung kritischer Infrastruktur, nicht nur das Gesundheitswesen, sondern alle Berufsgruppen. Jene Tourismusvertreter, die jetzt darauf drängen, die Regeln möglichst aufzuweichen und nur 2G-Status zu kontrollieren, was OMICRON null eindämmt, werden noch blöd schauen, wenn der Flugverkehr in Mitteleuropa aufgrund der vielen Erkrankungen und Quarantänen zum Erliegen kommt. Weder Fluglotsen noch Piloten können sich eine Verkühlung und auch nur minimale Beeinträchtigung ihrer Konzentrations- und Multitaskingfähigkeit leisten, das betrifft genauso Lokfahrer, Busfahrer und generell das Verkehrswesen. Das ist ein Spiel mit dem Feuer und niemand sollte hier trotz Infektion vorzeitig aus der Quarantäne/Krankenstand entlassen werden. Dazu kommt generell die Gefahr, dass Lieferketten unterbrochen werden. Weltweit schätzt man, dass erst ein Viertel aller Seeleute geimpft sind, was macht man, wenn Omicron auf den Frachtschiffen grassiert und die Besatzung lahmlegt? Das kommt nun alles zur allgemeinen Rohstoff- und Energiekrise dazu. Keine schöne Aussichten. Jede Verlangsamung der Ausbreitung von Omicron stellt die Grundversorgung länger sicher.

Bestenfalls haben viele Betriebe Notfallpläne aufgestellt, aber ein Einfallstor bleibt: Offene Schulen mit zu wenig Schutzmaßnahmen, über die sich die Kinder des betroffenen Personals anstecken. Auf diesem Weg findet OMICRON in die Familien und Mitarbeiter. Sofern sie sich nicht zuhause abkapseln oder wie im Lockdown wochenlang von der Außenwelt im Bunker bleiben, sind sie vulnerabel gegenüber Infektion.

Schlussfolgerung auch hier: Durchlaufen lassen ist eine sehr schlechte Lösung.

Endemie ist bei SARS-CoV2 kein erstrebenswerter Zustand

Endemische Viruszirkulation gefährdet dauerhaft Kinder, Ältere und Immunsupprimierte und sorgt beständig für die Weiterentwicklung neuer Varianten, die den Impferfolg gefährden

In Österreich dominiert weit verbreitet das Narrativ, dass das Virus immer harmloser werden würde, bis ein endemischer Zustand erreicht wäre.

Mikrobiologin Sigrid Neuhauser: Pandemie, Endemie, Epidemie bezeichnen Unterschiede in der Zirkulation verschiedener Erreger, diese Begriffe sagen nichts über die Schwere der Krankheiten aus! Endemisch bedeutet, dass ein Erreger dauerhaft in hoher Anzahl in der Bevölkerung zirkuliert.“

Beispiele für endemische Krankheiten, die gefährlich bleiben:

  • Malaria: 200-300 Mio Infektionen pro Jahr, ca. 600 000 Tote pro Jahr
  • Masern: 20 Mio Infektionen pro Jahr, ca. 150 000 Tote pro Jahr
  • RSV („Schnupfen“): ca. 30 Mio Infektionen pro Jahr, ca. 60 000 Tote bei Kindern
  • Pocken (ausgerottet durch Impfung): ca. 300 Mio Tote im 20. Jahrhundert, ca. 30% aller Infizierten starben

Endemische Krankheiten können wie Influenza in epidemischen Wellen wiederkehren. Gründe:

  • Abnehmende Immunität
  • Veränderung der Virulenz des Erregers (z.B. Immun Escape)
  • Regionen mit geringer Grundimmunisierung
  • verändertes Wirtsspektrum

Wir haben noch nicht den endemischen Zustand erreicht, weil zu viele Menschen noch keinen Schutz gegen das Coronavirus aufgebaut haben (Sarah Zhang, 06.12.21).

Wann können wir mit dem Virus leben?

Wir sind noch weit davon entfernt, mit dem Virus leben zu können. In meinen Augen sollten wir zuvor wenigstens diese vier Fragen beantworten können:

  1. Wie groß ist das Risiko nach dreifacher Impfung, an Long COVID zu erkranken?
  2. Steigt dieses Risiko mit nachlassendem Schutz der dritten Impfung vor Infektion?
  3. Kann das Anti-Covid19-Medikament Paxlovid nicht nur schwere Verläufe (um 90%), sondern auch LongCOVID verhindern? Wann gibt es dazu Follow-Up-Studien und wann ist das Medikament breitflächig einsetzbar und erschwinglich?
  4. Wer garantiert im Fall der Aufhebung aller Maßnahmen, dass uns nicht eine Welle mehrere Pandemien (RSV, Influenza, SARS-CoV2) gleichzeitig überrollt?
  5. Wie viele kognitiv beeinträchtigte Covid19-Überlebende können wir uns leisten? (Hampshire et al., 09/21)
  6. Wann gibt es das politische Bekenntnis, LongCOVID als gesundheitlich und wirtschaftlich relevante Spätfolge einer Covid19-Erkrankung anzuerkennen und dafür Sorge zu tragen, dass es deutlich mehr Anlaufstellen und Behandlungsmöglichkeiten gibt, ohne Betroffene als psychisch krank abzustempeln und gesellschaftlich zu isolieren?

Solange wir im Fall eines weitgehenden Durchlaufens vorerkrankte Menschen über die Klinge springen lassen und auch all jene gefährden, die noch nicht geimpft werden können, bin ich strikt dagegen, jetzt alle Vorsichtsmaßnahmen fallenzulassen – die wir, um ehrlich zu sein, auch nie wirklich ernsthaft kontrolliert zu haben.

Ich mag auch nicht mehr darüber diskutieren, ob ZeroCOVID je bei uns funktioniert hätte. Mit politischem Willen hätte das funktioniert. Wir haben es aber nicht einmal versucht und in Diskussionen darüber wird schnell klar, warum: Weil weite Teile der Bevölkerung nicht über den Tellerrand schauen können, wenig Kreativität haben und nicht in der Lage sind, konstruktiv zu denken. Wenn es ein Problem gibt, kann man sich überlegen, wie man es lösen kann oder tausend Gründe finden, warum es nicht lösbar ist. Ich hatte mir schon früher eine Menge Gedanken gemacht, wie man die Strategien erfolgreicher Staaten auf Österreich übertragen könnte, aber die Regierung hat sich entschieden, diesen Weg nicht gehen zu wollen. Mich ärgert es dann, wenn erwachsene gebildete Menschen gar nicht zuhören, sondern unreflektiert GreatBarrington-Stumpfsinn nachplappern.

Eine positive Meldung gibt es trotzdem noch am Ende.

Die WHO hat mit dem letzten Update am 23.12.21 endlich Aerosole als Hauptübertragungsweg anerkannt:

  • short-range aerosol or short-range airborne transmission
  • long-range aerosol or long-range airborne transmission
  • surface maybe involved if you transfer virus to mucosa

Erfahrungsgemäß wird Österreich etwa fünfzig Jahre später folgen und das Gesundheitsministerium endlich seine Empfehlungen und Vorschriften ändern.

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